Apr 302012
 

Eine herrliche Reise durch eine sagenhafte Region. Der Odenwald ist immer ein Reise Wert.


Land / Region:
Deutschland / Odenwald

Charakter:
Straßentour

Länge:
ca 400 km

Reisezeit:
März bis Oktober



Sagenhafte Hügel - Eine Reise durch den Odenwald

»Entschuldigung, könnten Sie bitte einen Moment hier stehen bleiben. Wir machen gerade Aufnahmen für einen Film«, erkläre ich einem älteren Paar, das an diesem sonnigen Sonntagnachmittag in den Hof des Auerbacher Schlosses unterwegs ist. Seit einer Viertelstunde halte ich so den Zugang zum Schloss versperrt, während Katja, Alex und Andreas immer wieder vor der Linse von Kameramann Daniel in den Burghof fahren. Nur die beiden Radfahrer, denen ich vor das Vorderrad springe, zeigen wenig Verständnis. Zugegeben, sie bekommen wegen der Klickverschlüsse auch kaum schnell genug ihre Füße aus den Pedalen. Ich verdinge mich kurz als Seitenständer und treibe die anderen zur Eile an. Kamera läuft, Ton läuft und los. Rein in den Burghof, gleich links abbiegen, dann zügig die Maschinen abstellen und den Helm absetzen, so weit der Plan.

Als die Maschinen schon rollen, kämpft Kameramann Daniel noch damit, dass ihm nicht ständig jemand durchs Bild läuft. Im Zeitalter von Reality-TV und günstigen Digicams hat wohl kein Mensch mehr Respekt vor einer laufenden Kamera. Gerade am Wochenende ist das Auerbacher Schloss, die größte Burganlage an der Bergstraße, ein beliebtes Ausflugsziel. Auf einem kegelförmigen Hügel thront es hoch über dem gleichnamigen Ort, einem Stadtteil von Bensheim. Beeindruckend ist hier nicht nur der Ausblick, der bei gutem Wetter über die gesamte Rheinebene bis hinüber zum Pfälzer Wald und auf der gegenüber liegenden Seite weit in den Odenwald hinein reicht. Auch die 300 Jahre alte Wald-Kiefer, die sich oben auf der Burgmauer windschief gen Himmel streckt, verleiht der Szenerie etwas Surreales.

Aufgereiht wie an einer Perlenschnur finden sich unzählige Burgen und Schlösser entlang der Bergstraße, jenem Landstrich zwischen Darmstadt im Norden und Heidelberg im Süden, den die Römer bereits als »Via Strata Montana« kannten. An dieser westlichen Abrisskante, an der der Odenwald steil ins Rheintal abfällt, kommt der Frühling immer etwas früher und geht der Herbst immer etwas später in den Winter über als im Rest Deutschlands. Allein über all dies ließe sich schon ein eigener Film drehen.

Doch wir wollen in den kommenden Tagen tief in den sagenumwobenen Odenwald vordringen. Einen herrlichen Ausblick auf die weinbewachsenen Hänge des Odenwaldes, die sich gerade im Herbst mit beeindruckendem Farbenspiel schmücken, konnten wir am Morgen schon von Lorsch aus genießen. Das dortige Kloster gehört, ebenso wie die benachbarte Königshalle aus dem Jahr 774, zu den bedeutendsten Bauten des frühen Mittelalters. Die aus dem typischen roten Buntsandstein des hinteren Odenwaldes errichtete Königshalle ist das älteste erhaltene Bauwerk der karolingischen Renaissance und wurde von der UNESCO 1991 in den Stand eines Weltkulturerbes gehoben.

Unter Karl dem Großen und der karolingischen Herrschaft war das Kloster Lorsch fast 500 Jahre lang eines der Machtzentren des Deutschen Reiches. Die mehr als 3800 Besitztümer des Klosters erstreckten sich einst von der Nordseeküste über die Niederlande bis in die heutige Schweiz. Verbrieft sind diese Besitzungen in einer bis ins 12. Jahrhundert zurückreichenden Urkundensammlung. Auf den so entstandenen »Lorscher Kodex« berufen sich in ihrer Gründungsgeschichte noch heute viele deutsche und mitteleuropäische Städte und Gemeinden. An der zum Kloster gehörigen Königshalle haben sich unsere Darsteller getroffen, um zu ihrer Tour aufzubrechen.

Für die besten Einstellungen musste die Kamera genau im Einfallsweg zum Museum aufgestellt werden, das über die Geschichte des Klosters informiert.»Entschuldigung, könnten Sie bitte einen Moment warten. Danke«, konnte ich noch sagen, als erst eine Horde Radfahrer und dann eine Heerschar von Fußgängern wie aus dem Nichts auftauchte. »Die laufen dir ohne Hemmungen in die Aufnahme«, schimpfte Daniel vor sich hin. »Wenn sie dann wenigstens nicht noch so auffällig in die Kamera starren würden.« Wer sich ungefragt als Statist aufdrängt, sollte wenigstens unbeteiligt aussehen.»Danke, aber das müssen wir noch mal machen, bitte alles auf Anfang«, schwang ich vorwurfsvoll und effekthaschend das Funkgerät und konnte mir so wenigstens der Aufmerksamkeit der nächsten Passanten sicher sein.

Auch Dreharbeiten unterliegen den Regeln des Showbusiness, begann ich zu realisieren, was sich auf dem Schloss bewahrheiten sollte. Mal sehen, wie es beim nächsten Drehort, dem Felsenmeer bei Reichenbach, sein wird. Einst sollen sich Riesen am Hang des Felsberges mit den gigantischen Granitmurmeln beworfen haben. Noch heute erzählt man kleinen Kindern, sie sollten in dieser Gegend nicht zu laut rufen und herumtollen, wollten sie nicht die Riesenwecken, die unter den Steinen schliefen. Tatsächlich ist der Geröllhang mit den rundgeschliffenen Felsen wohl eher eine Folge von Korrosion und Eiszeiten. An Stellen wie dieser lässt es sich tief blicken in 500 Millionen Jahre wechselvoller Erdgeschichte. Deshalb wurde der Odenwald, als Gebirge eigentlich ein Kollateralschaden aus dem Zusammenprall der Kontinente Ur-Afrika und Ur-Europa, 2002 als europäischer Geopark ausgezeichnet und 2005 in die UNESCO-Liste des »Global Network of Geoparks« aufgenommen worden. Das Felsenmeer diente den Römern als Steinbruch und ist heute ein beliebtes Ausflugsziel für Familien.

»Was machen die denn da«, fragt die vorwitzige Achtjährige, die sich neben der Kamera postiert hat. »Die drehen einen Film«, erklärt ihre Mutter. »Siehst Du die Frau in dem bunten Anzug, die da über die Felsen klettert? Das ist die Schauspielerin. Und die beiden Männer mit den dunklen Jacken und den Sonnenbrillen, das sind die Bodyguards.« Na dann. Schnitt.

Am nächsten Morgen rollen Whitney Houston, alias Katja, sowie Mister Kevin und Mister Costner im strömenden Regen auf den Marktplatz in Heppenheim. Natürlich sieht der von schmucken Fachwerkbauten umstandene Platz bei Sonnenschein viel besser aus, doch das historische Rathaus und die gegenüberliegende Apotheke, in der der spätere Nobelpreisträger Justus Liebig 1817 als Lehrling arbeitete, versprühen auch bei diesem Wetter jede Menge Charme.

Wir genießen erst mal ein gutes Frühstück und machen uns dann auf nach Hammelbach. Dort erwartet uns schon Fritz Röth, in den Siebzigerjahren Suzuki- und Ducati-Importeur und ein echtes Urgestein der Motorradszene. In seinem kleinen wie feinen Motorradmuseum gibt es von der Triumph aus dem Jahre 1929 über selbst gebaute Rennmaschinen bis hin zum liebevoll erhaltenen Guzzi-Gespann etliche Schätzchen zu bestaunen. Katja, Alex und Andreas schwelgen mit Fritz Röth in Erinnerungen, bestaunen und besteigen die allesamt fahrbereiten Exponate. Nur das ans Museum angrenzende Trauzimmer des Standesamtes, in dem auch waschechte Biker-Hochzeiten möglich sind, müssen sich Katja und der Hausherr alleine ansehen. Die Jungs können oder wollen sich einfach nicht von den Maschinen trennen. Beim Mittagessen, durch das wir dem gerade wieder einsetzenden Regen entfliehen, erzählen wir Fritz Röth von unseren Plänen.

Als Nächstes wollen wir den Ort eines weltbekannten Attentats besuchen. Der Untergang des Burgunderreiches in den Wirren der germanischen Völkerwanderung um 46 n.Ch lieferte den Stoff für das wohl bekannteste Heldenepos des Mittelalters. Die Geschichte von Kriemhild, Brunhild, König Gunther und Siegfried dem Drachentöter erlebt nicht nur alljährlich bei den Festspielen in Worms und Bayreuth eine Neuauflage, sondern ist untrennbar mit dem Odenwald verbunden. Er war für die Nibelungen bevorzugtes Jagdgebiet. Und auf einer solchen Jagd soll Hagen von Tronje Siegfried auch den Speer zwischen die Schulterblätter gerammt haben, dort wo ihn das Lindblatt beim Bad im Drachenblut verwundbar gelassen hatte.

Als Erinnerung an die Nibelungen werden die Bundesstraßen 47 und 460, die beiden Hauptverkehrsadern, die den Odenwald jeweils von West nach Ost, von Worms nach Wertheim am Main durchziehen, auch »Siegfriedstraße« und »Nibelungenstraße« genannt. Um die zweifelhafte Ehre des grausigen Tatorts ringen rund ein halbes Dutzend Orte im Odenwald. Welcher der richtige ist, kann uns auch Fritz Röth nicht abschließend sagen. Einen Tipp hat er aber trotzdem, meint, wir sollten am besten den Lindelbrunnen in Hüttenthal besuchen. Der sei nicht nur schön gelegen, sondern dort entspringe vor allem eine natürliche Quelle. Bei manch anderem »antiken« Quell könne die zuständige Ortsverwaltung schon mal die Wasserleitung abgestellt haben, wenn die Reisebusse mit den Touristen im Herbst nicht mehr so zahlreich sind. Kein Wunder, dass bei so viel Geschäftstüchtigkeit ein einzelner Akt der Rache schnell zum flächendeckenden Massaker wird. Schnitt.

Da uns das Wetter für den Rest des Tages nicht gut gesonnen ist, steuern wir unser Quartier, das TF-Partner-Haus »Hotel Ringpark« in Buchen an. Beim Frühstück am nächsten Morgen blättert Alex gedankenverloren in Deutschlands marktführendem Fachblatt für Klatsch, Tratsch und Belanglosigkeiten. Zwischen vielen bunten Bildern und noch mehr Meinungen stößt er auf die Nachricht vom Ableben von Putzi von Opel. Die tragisch gestorbene Urenkelin des Automobilbauers Adam Opel machte in den Siebzigerjahren von sich reden, als die Polizei 1,6 Tonnen Cannabisprodukte im Keller ihrer Villa fand. Während wir uns auf den Weg zum nächsten Drehort machen, grübeln wir noch lange über die logistischen Schwierigkeiten, die mit einem solchen Drogenproblem einhergehen.

So viel Stoff kann man nicht hinter dem nächsten Bahnhof kaufen, das steht fest. Stellt man sich 1,6 Tonnen Heu statt Gras vor, denkt man an eine volle Scheune. Ob man den Pflanzenschnitt dann auch mit der Heugabel wenden muss? Bevor wir weiter in die Geheimnisse der Landwirtschaft vordringen, erreichen wir in Erbach einen Ort, an dem eher das Kunsthandwerk im Mittelpunkt steht. Das Deutsche Elfenbeinmuseum informiert über die Tradition der Elfenbeinschnitzerei, die Graf Franz I. von Erbach Erbach von seinen Besuchen an europäischen Fürstenhöfen in den Odenwald brachte. Das erklärt Frau Dr. Barbara Simon, Mitarbeiterin des Museums, Alex auf die Frage, wie denn die Elefanten in den Odenwald gekommen seien. Vom Schnitzer Maximilian Grimm erfährt Katja, wie eine Figur entsteht, und Andreas wundert sich doch ein wenig, als Maximilian erklärt, dass wegen des Artenschutzes oft nicht Stoßzähne von Elefantenbenutzt werden, sondern neben Rinderknochen vor allem Mammutelfenbein. Das ist billiger, einfacher zu beziehen und leichter durch den deutschen Zoll zu bekommen. Nur dachten wir eigentlich, dass Mammuts schon lange ausgestorben sind. Aus dem permanent gefrorenen Boden der sibirischen Steppe werde wie aus einer riesigen Tiefkühltruhe immer wieder einer der zotteligen Urzeitgiganten geborgen, erfahren wir. Und da scheinbar alle Naturkundemuseen dieser Welt schon ein Mammut in der Vitrine stehen haben, kann man den prähistorischen Kadaver dann auch anderweitig recyceln. Na dann, Schnitt.

Zusammengenommen ungefähr genauso alt wie die urigen Zahnspender und in Bewegung kaum schneller ist die Busladung alter Damen, die sich vordem prächtigen Fachwerk-Rathaus von 1484 im benachbarten Michelstadt zwischen der Kamera und den wartenden Motorrädern hindurchschieben. Als eine der Damen bemerkt, dass sie gerade die Aufnahme ruiniert hat, gerät plötzlich Bewegung in die Gruppe. Wie ein aufgeschrecktes Bienenvolk schwirren die Damen umher. Aufgeregt werden Gehhilfen geschwungen, Ärmel gezupft und schrille Warnungen in Hörgeräte gebrüllt. »Erna, komm, wir sind im Weg.«Das ahnungslose Mammut hätte in fünf Minuten den Platzgeräumt, der Bienenschwarm benötigt rund zwanzig. Unter bildfüllenden Einstellungen hatte ich mir eigentlich etwas anderes vorgestellt. Schnitt.

Nicht nur entlang von Main und Neckar, den wichtigsten Verkehrswegen, sondern auch quer durch den Odenwald spannt sich ein dichtes Netz von Burgen und Schlössern. Sie sind Zeichen des Wirkens vieler geistlicher und weltlicher Herrscher des Mittelalters und Ursprung von Mythen und Sagen. Das Heldenepos »Parsival« über den tapferen, aber hochmütigen Ritter aus der Tafelrunde des legendären König Artus schrieb Wolfram von Eschenbach auf der Wildenburg bei Amorbach. Der Nachfahre des Hausherrn von Burg Frankenstein nahe Darmstadt inspirierte Mary Shelley zu ihrem weltberühmten Roman. über gewundene, schmale Sträßchen führt uns unser Weg zur Ruine Rodenstein, wo wir einem anderen gespenstischen Burgbewohner einen Besuch abstatten wollen.

Die etwas außerhalb von Fränkisch-Crumbach idyllisch auf einem Hügel gelegene Burg stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde bis 1635 bewohnt, verfiel danach aber recht schnell. Der Legende nach soll einer der Rodensteiner Ritter seine Frau in den Tod getrieben haben. Weil es ihm nach seinem eigenen Ableben keine Ruhe ließ, treibt er seitdem als Geist sein Unwesen. Immer wenn vom Rhein her Krieg droht, zieht er mit viel Wind und großem Getöse zur auf dem gegenüberliegenden Bergzug gelegenen Burg Scheffels. Als wir die Ruine erreichen, weht es Katja, Alex und Andreas fast von den Motorrädern. Sollte an der Sage etwas Wahres sein, muss im Rheintal gerade mächtig dicke Luft herrschen. Zum Glück treibt der Wind die Wolken vor sich her, und so gelingen uns schöne Aufnahmen der Ruine. Da unsere knurrenden Mägen schon den Wind in den Bäumen übertönen, wollen wir uns im unterhalb der Burg gelegenen Restaurant noch kurz stärken. Der Wirt nimmt die Bestellungen auf, hält kurz inne und blickt Alex eindringlich an. »Sache se ma, sinn sie ned…«, setzt er an, bis ihn Alex mit einem »Ja, bin ich« einbremsen will. »Kei Angst Herr Jolisch, isch werd schon ned zudraulisch«, grinst der ihn breit an und schlurft gleichmütig von dannen. Schnitt.

Da der Drehplan durch das Wetter mächtig durcheinander geraten ist, beeilen wir uns, nehmen noch ein paar schöne Fahreindrücke mit und steuern die Marbachtalsperre an. Sie staut die kleine Marbach zu einem beachtlichen See, dem größten im Odenwald. Im Sommer ist er für Badende, Angler und Windsurfer ein beliebter Anlaufpunkt. Auf dem Parkplatz an seinem Ufer befindet sich auch einer der größten Motorradtreffs der Region, der in der Saison oft so stark besucht ist, dass man Eintrittskarten verkaufen könnte. Nun, im Herbst, ist die Besucherzahl eher überschaubar. Kaum setzt Katja den Helm ab, empfängt sie eine Horde älterer Herren mit einem kollektiven »Katja, wir lieben dich«. Ich denke an den Wirt und bin mir bei den Typen nicht sicher, ob die »ned doch zudraulisch« werden. Langsam geht die Sonne unter, und das Licht schwindet.

Eile ist geboten, wir bringen die Kameras in Position. Die drei Motorräder kommen an, biegen auf den Parkplatz ein. Anhalten, Absteigen, Helm ab, soweit der Plan. Kamera läuft, Ton läuft, die drei fahren los, wollen einbiegen und …zu viel Verkehr. Das Ganze auf Anfang und noch mal. Dann der vierte Versuch. Anfahren, Abbiegen und … da war Ernst. Dass Ernst Ernst ist, können wir dem Schild in der Windschutzscheibe seines Vierzigtonners entnehmen, den er genau vor der Kamera Format füllend abgestellt hat. Und dass Ernst es auch so meint mit der Wahl seines Parkplatzes, daran lässt er ebenfalls keinen Zweifel.»Entschuldigung, wir drehen hier einen Film. Vielleicht könnten Sie …« Nein, er kann dieses Monster von einem Fahrzeug natürlich nicht mal kurz ein Stück zurückfahren, da würde er ja die ganze Straße blockieren. Ich gebe zu, es gibt doch dumme Fragen, und diese war überflüssig. Außerdem, so erklärt uns Ernst, während er ein Fahrrad aus dem Staufach hinterm Radkasten zieht, habe er jetzt Pause. Der Mann hat einfach die besseren Argumente und radelt von dannen.

Mit reichlich Mühe filmen wir um ihn herum, verstauen unsere Ausrüstung und fahren in der untergehenden Sonne nach Weinheim. Es ist Mitte Oktober, und wir sitzen auf dem pittoresken Marktplatz im Freien, trinken genüsslich einen Cappuccino und betrachten die im Wind wehenden Palmenblätter. Kein Wunder, dass sich die Römer an der Bergstraße wie zu Hause fühlten. Auf dem Rückweg zum Partnerhaus in Buchen gibt es dann einen Vorgeschmack auf den Weltuntergang.

Durch Sturm, Hagel und vorbei an umgestürzten Bäumen gilt es mühsam den Weg zu finden. Als wir uns zum Frühstück treffen, verspricht das Ende der sternenklaren Nacht schon einen sonnigen Tag. Ein kurzer Blick in die Zeitung mit den vielen Bildern, der Wetterbericht sieht gut aus, »Reinhold Messner zeigt seine Bergsteigerfüße«. Wer will das sehen? Außerdem wurde am Vortag eine Tonne Kokain an spanischen Stränden angespült. Mein Gott, die Welt ertrinkt im Drogensumpf.

Für heute haben wir uns viel vorgenommen. Zuerst steuern wir das schon 150 n. Chr. von römischen Truppen eroberte Walldürn an. Die Wallfahrtskirche St. Georg ist nicht nur eine der schönsten Barockkirchen im Rhein-Main-Gebiet, sondern all jährlich an Pfingsten auch Anziehungspunkt für Tausende von Pilgern. Durch die »Wallfahrt zum Heiligen Blut« gilt der kleine Ort als drittgrößte Pilgerstätte Deutschlands. Das so genannte »Blutwunder« geht auf ein Missgeschick aus dem Jahr 1330 zurück, als ein Priester während der Messe versehentlich den Altarkelch umstieß. Der bereits gewandelte Wein soll auf dem Altartuch das Bild des gekreuzigten Christus und elfmal seinen Kopf mit Dornenkrone gezeichnet haben, wie auch die Gedenktafel vor der Kirche zeigt. Aus Scham versteckte der Priester das wunderbare Missgeschick bis zu seinem Tod 50 Jahre lang hinter dem Altar, bevor er sich auf dem Sterbebett Erleichterung verschaffte.

Ja, das Tuch könne man in der Kirche immer noch sehen, erzählt uns eine Passantin. Neugierig treten wir ein und fragen die Dame, die gerade sanft lächelnd den Altar schmückt, wo das Tuch denn zu finden sei. Sie zeigt uns einen verschlossenen Schrein, der immer nur an Pfingsten geöffnet werde. Dass wir gerade einen Film über den Odenwald drehen, erkläre ich der Sanftmütigen.»Könnten wir denn vielleicht ausnahmsweise doch einmal kurz einen Blick …«,und noch während ich die Frage ausspreche, befürchte ich, ihr religiöses Empfinden verletzt, gar die Reliquie geschändet zu haben. Sicherlich muss man das jahrhundertealte Tuch vor Licht und Zerfall schützen.

Doch die Sanftmütige lächelt noch sanftmütiger und sagt, nachdem sie mich eine Weile in meinen Schuldgefühlen schmoren ließ: »Es tut mir sehr leid, aber da müssten wir ja erst eine Leiter holen und die ganzen Kerzen zur Seite stellen, Sie verstehen.« Ich verstehe, so ein Wunder bringt auch immer ganz handfeste Probleme mit sich. Schnitt.

Für einen kurzen Abstecher zieht es uns nach Miltenberg. Malerisch am Main gelegen, erhielt es wegen der vielen Fachwerkhäuser den Beinamen »Stadt aus Holz«. Im »Riesen«, dem ältesten Gasthaus Deutschlands, sollen schon Wallenstein und Götz von Berlichingen übernachtet haben. Wir wollen einen Blick von oben auf Stadt und Main erhaschen, der die Nord-Ost-Grenze des Geoparks und grob der Region Odenwald bildet.

Über schmale, am Ende geschotterte Wege können wir mit den Motorrädern bis in den Burghof fahren. Lange sind wir dort alleine, genießen die Aussicht und drehen verschiedene Einstellungen, bis sich laut lärmend eine Schulklasse ankündigt. Da auf dem schmalen Vorhof nicht für alle Platz ist, entziehen wir uns der Belagerung durch Flucht.

Auf dem Weg gen Westen passieren wir Amorbach und beschließen kurzerhand, einen Abstecher zur Wildenburg einzulegen. Eine Dreiviertelstunde irren wir umher und sind uns bald sicher, diese Burg gewinnt den Preis für die mieseste Ausschilderung mit den kleinsten Schildern der Welt. Als wir endlich einen Weg gefunden haben, endet er unvermittelt in einem ausgewaschenen Schotterpfad. Hier gibt es zumindest für Katjas GSX-R kein Weiterkommen. Den aus dem Wald ragenden Rest der Ruine vor Augen brechen wir die Suche ab.

Heute Mittag muss uns Katja verlassen, denn ihre kleine Tochter verlangt nach ihr. Doch zuvor wollen wir noch Reste einer Grenzanlage besuchen, die neben der Chinesischen Mauer und der betonierten Manifestierung des Eisernen Vorhangs wohl zu den bekanntesten der Welt gehört. Um die Reichsgrenze vor dem Ansturm germanischer Stämme zu schützen, errichten die Römer um 100 n. Chr. die älteste Linie des Neckar-Odenwald-Limes. Damit lagen weite Teile des Odenwalds fortan im römisch beherrschten Obergermanien.

Gut 60 Jahre später wurde der Limes um etwa 30 Kilometer nach Osten auf die Linie Miltenberg-Walldürn-Buchen-Osterburken vorverlegt. Nun bildete er im Osten die Verlängerung der »feuchten Grenze« des Mains nach Süden hin. Oberhalb von Kailbach suchen wir entlang der alten Limeslinie nach Zeugen aus vergangenen Zeiten. Doch auch hier haben wir wenig Glück. »Vom Limes gibt es viele Bilder, doch wenn man ihn wirklich sucht, ist nichts zu finden. Da müsst Ihr schon ins Freilichtmuseum«, tröstet uns eine alte Frau, die wir nach dem Weg fragen.

Nachdem wir uns von Katja verabschiedet haben, freuen sich Alex und Andreas schon auf ein fahrerisches Highlight, die ehemalige Bergrennstrecke am Krähberg. Schnell montieren wir noch die Kameras an den Maschinen, und schon wedeln die beiden immer wieder den Berg hinauf und hinab. Da wir die Kameras mehrfach umbauen, an anderen Positionen und mit veränderten Einstellungen laufen lassen, Daniel zudem mehrfach auf den Soziussitzen Platz nimmt, merken wir kaum, wie schnell die Zeit verrinnt. Am Nachmittag haben wir jedoch noch eine Verabredung der besonderen Art und müssen uns beeilen. Beider Abfahrt nach Beerfelden genießen wir noch einmal die Kurven und das kontrastreiche Farbenspiel des Herbstwaldes.

Vorbei geht es am Himbächel Viadukt. Die 1880 fertiggestellte Eisenbahnbrücke ist rund 250 Meter lang und 40 Meter hoch. Der Buntsandsteinbau gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Odenwaldbahn und war in seiner Zeit eine architektonische Meisterleistung. Der Legende nach soll sich der Architekt kurz vor Bauende von seinem Werk in den Tod gestürzt haben, weil er dachte, dass darüber nie ein Zug würde fahren können. Ob die Geschichte stimmt, wer weiß. Falls ja, kann man wohl von einem tragischen Irrtum des Baumeisters sprechen, denn die Odenwaldbahn überquert das Viadukt noch heute.

An unserem nächsten Drehort fällt mir erneut auf, wie sehr der Charme dieser Landschaft doch vom Tod geprägt ist. Kein Wunder, dass es in kaum einer anderen Gegend Deutschlands so viele Geister- und Gespenstergeschichten gibt. Wir stehen oberhalb von Beerfelden, und vor uns reckt sich der am besten erhaltene Dreimastgalgen Deutschlands in den Himmel.1804 fand hier die letzte Hinrichtung statt. Für einen Laib Brot und zwei Hühner musste eine Zigeunerin ihr Leben lassen. Erschreckend, wofür Menschen töten.

Von der Anhöhe kann man bei gutem Wetter fast bis zum nördlichen Ende des Odenwaldes blicken. Wir stürzen uns hinab in die Wälder und Kurven, die uns auf dem Weg zum Neckar erwarten. Immer wieder bietet sich auf dem Weg über die Hirschhorner Höhe ein grandioser Ausblick ins Tal. Daniel wechselt wieder von Soziusplatz zu Soziusplatz, um die Eindrücke mit der Kamera einzufangen. Viel zu schnell erreichen wir Hirschhorn, wo wir am Stauwehr hinter der großen Neckarschleife eine Pause einlegen. Dann geht es den Fluss hinab, unser Ziel ist Heidelberg. Je näher wir der Stadt kommen, desto dicht er wird der Verkehr. Flankiert von zahlreichen Burgen und Schlössern räkelt sich der Fluss in seinem Bett.

Vorbei an der »Alten Brücke«, auf der schon der mächtige Kohl mit dem feingliedrigen Mitterand Hof hielt, vorbei an den Neckarwiesen, auf denen Studenten noch immer lernen, grillen oder in der Sonne dösen, vorbei am Hauptbahnhof und dem Firmensitz der weltbekannten Heidelberger Druckmaschinen mit der seltsam futuristischen Statue geht es hinauf zum Endpunkt der filmischen Reise. Das Wahrzeichen der Stadt, das Heidelberger Schloss, thront majestätisch an den Hängendes Königstuhl.

Es gibt viele gern gehegte Vorurteile über die nahezu erdrückende Liebe der Amerikaner und Japaner zur Stadt am Neckar. Als wir die Motorräder vor dem Schloss abstellen und hineingehen, stellen wir fest, dass die meisten dieser Vorurteile zutreffen. Wie Heuschrecken überschwemmen die Reisegruppen das Schloss, und eine Busladung nach der nächsten ergießt sich in den Park. Für den Blick ins Tal, über die Stadt und über die Rheinebene hinweg müssen wir beinahe Schlange stehen. Doch da Daniel die mit Abstand größte Kamera auf diesem Platz in Händen hält, ist ihm der Respekt zumindest der japanischen Besucher sicher.

Fast vergessen wir hier die Zeit. Zwar wollen wir, dass Uli in die Luft geht, aber dann bitte mit Daniel zusammen und nicht aus ärger. Uli pilotiert nämlich einen Ultraleichtflieger und will mit Daniel noch einige Luftbilder zu unserem Film beisteuern. Während Daniel und ich uns zum Regionalflughafen nach Mannheim aufmachen, fahren Alex und Andreas wieder nach Hirschhorn zurück. Ihre Abfahrt werden wir noch einmal von der Luft aus filmen. Langsam wird Daniel doch nervös, und als er das kleine Flugzeug sieht, verliert er zusehends an Farbe. Uli erklärt ihm noch schnell, dass er durch die Luken in der Kuppel und im Boden zwischen seinen Beinen hinaus filmen kann, dann ist die Farbe ganz aus seinem Gesicht gewichen, und die beiden heben ab. Während des Fluges sind beide vom Spiel der Farben beeindruckt, Daniel von dem der Landschaft unter ihm und Uli von dem in Daniels Gesicht – ein wenig grün, ein wenig gelb, ein wenig rot.

 


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