Die Idee einer Reise nach Bali kam im Yogakurs. Strand, Relaxen, ein bisschen Yoga, das war schon o.k. Doch die innere Stimme fragte: Kann man auf Bali auch richtig Motorradfahren. Wie gut und kurvig dies geht, erlebten Charlie Spiegel (Text und Bilder) und Bärbel Müllner (Bilder) auf 200 cm³.


Land / Region:
Indonesien / Bali

Charakter:
Straße

Länge:
967 km

Reisezeit:



Bali - 200cm³ - Yoga – Eine gewagte Kombination?

Die Idee einer Reise nach Bali kam im Yogakurs. Strand, Relaxen, ein bisschen Yoga, das war schon o.k. Doch die innere Stimme fragte: Kann man auf Bali auch richtig Motorradfahren. Wie gut und kurvig dies geht, erlebten Charlie Spiegel (Text und Bilder) und Bärbel Müllner (Bilder) auf 200 cm³.

 Zwölfeinhalb Stunden im Bauch der Boeing 777 von Zürich nach Singapur und nochmal zweieinhalb Stunden nach Denpasar gehen wie im „Flug“ vorbei, dank Bord-Entertainmentprogramm und „Film on advance“. Der Film „Nachts im Museum 2“ und „Illuminati“ mit Tom Hanks und Motorradfahrer Ewan McGregor und ein wenig das gute alte Tetrisspiel machten den Flug echt kurzweilig. Nur der Hintern meldete ab und zu Protest an, fast wie beim Motorradfahren. Nach kurzer Taxifahrt erreichen wir den quirligen Touristenort Ubud. Mitten zwischen den saftiggrünen Reisfeldern gelegen, sind die romantischen Bungalows unseres Hotels eine Freude für die Augen. Einfach traumhaft. Jetzt können wir richtig genießen und erst einmal Schlaf nachholen.  

 Danach ein kleiner, erster Rundgang schärft die Sinne diesmal ganz besonders, denn die Augen müssen sehr konzentriert den Gehweg abtasten. Viele Löcher, fehlende Betonplatten, rutschige Flächen sind zu umgehen. Im Kontrast dagegen in vielen leuchtenden bunten Farben die kleinen Restaurants, Hotels, Money Changer und Massageanbieter. Unglaublich viel Kunsthandwerk von Schrill über Kitsch bis zu wahrer Kunst.

 Nach zwei Tagen zu Fuß, endlich heute der große Tag. Wir holen unser bereits in Deutschland übers Internet bestelltes Motorrad ab. Doch so leicht geht das nicht. Beharrlich weigert sich der elektronische Zimmertresor uns den internationalen Führerschein und den Reisepass rauszurücken. Doch dank des Hotelmanagers, des Mastercodes und eines Schraubenziehers kommen wir doch noch daran. Pünktlich fahren wir mit dem Hoteltaxi in Richtung Sayan, einem Vorort von Ubud, los. Doch so leicht geht es wieder nicht, denn die angegebene Adresse in Sayan ist einfach nicht zu finden. Im Zeitalter von Handys hilft uns dann ein Anruf weiter. Was aber im Internet nach einer größeren Firma ausgesehen hat, entpuppt sich als kleiner Laden, der neben der Moped und Motorradvermietung auch noch Touren und Immobilien anbietet. Aber für Bali ist dies ein großer Laden, wir müssen einfach mal die europäischen Maßstäbe über Bord werfen. Das Motorrad selbst steht in einer Seitenstraße in einer kleinen Garage. Doch der erste Eindruck beruhigt alle europäischen Nerven wieder komplett. Eine nagelneue Maschine, mit gerade einmal 51 km auf dem Tacho, steht vor uns. Eine Honda Tiger mit 200 cm³ aus indonesischer Produktion. Ein breites Grinsen und Zufriedenheit überzieht unsere Gesichter. Schnell sind die Formalitäten erledigt. Jetzt noch schnell unsere aus Deutschland mitgebrachten Helme und Handschuhe anziehen und es kann losgehen.

 Das Linksfahren ist, nach vielen Wochen Übung in Schottland, kein Problem. Die Straßen sind erstaunlich gut. Der Verkehr nur halb so chaotisch, wie uns dies alle Reiseführer weismachen wollen. Und nur halb so chaotisch wie in vielen italienischen Urlaubsgebieten im August. Zunächst werden wir an einem leichten Berg gleich mehrfach „abgehängt“. Aber an 1.000 cm³ weniger als zuhause muss man sich erst mal gewöhnen. Straßenschilder rund um Ubud sind recht selten und meist an lustigen Positionen befestigt oder sind längst von Pflanzen überwuchert. Ortsschilder hingegen finden sich an jedem Ortseingang an dem man auch noch herzlich willkommen geheißen wird. Bei der Orientierung hilft nur die gute alte Landkarte und natürlich das Fragen. Alle sind hier besonders hilfsbereit und man bekommt auch hier stets die freundlichen Fragen gestellt. Where are you from? Where are you going to? Und so kommt ganz automatisch ein schöner Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung zustande. Zunächst führt eine vielbefahrene, kerzengerade Straße in die Hochburg der Holzschnitzerei nach Mas.

 Hier reiht sich Holzschnitzer an Holzschnitzer. Vieles kommt uns bekannt vor, das wir im heimischen Supermarkt schon gesehen haben. Dennoch lohnt es sich mal tiefer in den einen oder anderen Laden einzutauchen und den Holzschnitzern bei ihrer filigranen Arbeit zuzusehen. Mit einer Leichtigkeit wird der besondere Hammer geschwungen und bereits nach kurzer Zeit wird aus einem ehemals groben Holzklotz eine kleine Figur. Übrigens arbeiten die Schnitzer hier in Mas nur fünf Stunden täglich, die andere Zeit des Tages soll der Entspannung und vor allem der Inspiration dienen. Durchaus überlegenswert für den Büroalltag zuhause, aber ich denke, dies kommt irgendwie beim Vorgesetzten nicht wirklich gut an.

 Wenige Kilometer weiter gibt’s noch mal Kultur pur. Tief im Flusstal erstreckt sich das Areal des Goa Gajah Tempels mit der sogenannten Elefantenhöhle. Elefanten würden da zwar niemals hineinpassen, selbst wir großen Europäer müssen unseren Kopf am Eingang etwas einziehen. Innen erwarten uns im Halbdunkel zwei uralte Altäre. Ein anderer Teil auf dem Gelände wurde erst in den 50er Jahren entdeckt und ausgegraben. Schon erstaunlich, wie schön die Brunnengöttinnen vor Jahrhunderten gestalten wurden.

 Doch nun erst mal wieder zurück in den Verkehr. Überall fährt man „auf Lücke“. Und Lücke bedeutet hier, dass dort wo eine Lücke im Verkehrsfluss ist in die ein Moped oder Motorrad hineinpasst, man auch hineinfährt, egal ob ein Lastwagen entgegenkommt. Schnell haben wir uns dieser Sitte angepasst und genießen den quirligen neuen Fahrstil. Wieder kommen wir nur ein paar Kilometer weit. Der Tempel mit dem größten Bronzegong soll ja auch noch besucht werden. Leider sieht man davon nicht viel, denn in einem extra Schrein, einige Meter über dem Boden ist der Gong aufgestellt und teilweise von Tüchern umhüllt.

 Abends entspannen wir beim traditionellen Legontanz mit Gamelanmusik im Tempel Pura Dalem in Ubud. Da wir in der ersten Reihe sitzen, ist das deutlich lauter als eine offene Auspufftüte.

 Am nächsten Tag wollen wir die für Bali doch so typischen Reisterrassen suchen. Doch welcher Schock am Morgen, das Loch für das Zündschloss am Motorrad ist schlicht und ergreifend verschwunden. Wir entdecken nur eine massive Platte, dort wo einst der Zündschlüssel hinein kam. Unsere hilflosen Blicke hat dann aber zum Glück ein Mitarbeiter des Hotels gesehen. Des Rätsels Lösung: Am Kunststoffteil des Zündschlossschlüssels gibt’s einen kleinen Vierkant mit dessen Hilfe man das Schloss wieder freilegen kann. Eine Diebstahlsicherung der besonderen Art und obendrein auch noch ein Schutz gegen Regenwasser. Noch etwas unwillig, trotz Choke, nimmt unsere kleine Honda das Gas an. Schon komisch, dass selbst bei 28° Celsius das Warmlaufenlassen zum morgendlichen Ritual gehört.

 Auf der Suche nach den Reisterrassen führt uns der Weg immer tiefer in dieses grüne Land hinein. Dies ist das wahre, das ungeschminkte Bali. Kleine und kleinste Straßen, Kurven, Steigungen, Gefälle mit weit mehr als 20% erfreuen das Motorradfahrerherz. Teilen dürfen wir uns die Straße mit Hunden, Hühner, Enten, Gänsen, Kindern. Langsam fahren wir vorbei an reisstrohgedeckten Häusern und vielen kleinen Miniläden in denen es auf drei Quadratmetern aber fast alles gibt. Überall werden wir angelächelt und unser Lächeln wird stets erwidert, ein schönes Gefühl. Immer noch kämpfen wir mit den enormen Steigungen wo nur der erste Gang hilft. Wir müssen uns einfach noch daran gewöhnen mit höherer Drehzahl zu fahren. Endlich haben wir das gefunden nach dem wir gesucht haben, die Reisterrassen. Sattes Grün wechselt mit kristallklarem Wasser, der blaue Himmel spiegelt sich zwischen den Reispflanzen. Kunstvoll bis hinunter ins Tal schmiegen sich die grünen Terrassen an die Hügel. Nachdem die Digitalkamera heiß gelaufen ist, reizt es uns besonders wieder auf das Motorrad zu steigen. Die Temperatur beim Fahren ist ideal und beim Fahren schwitzt man nicht. Kreuz und quer auf kleinen, kurvigen Sträßchen sind wir viel zu schnell wieder auf der Hauptstraße. Jetzt heißt es wieder den balinesischen Lückenfahrstil zu praktizieren. Das macht Spaß und wir kommen damit auch gut voran.

 Nachmittags in Ubud sieht es allerdings anders aus. Rushhour zwischen Ruß stinkenden Lastwagen und den vielen Touristenbussen, die ganze Wagenladungen beim Monkey Forest abladen. Immerhin haben wir heute doch schon mal 60 km auf dem Motorrad verbracht.

 Ein besonderes Highlight steht am Abend an. Die Einladung bei einer balinesischen Familie zum Abendessen. Doch dies ist nicht einfach ein Abendessen. Zunächst begrüßt uns das über 80-jährige Familienoberhaupt. Ein Hindu Oberpriester, der uns stolz seine Aufzeichnungen in der alten Sanskrit Sprache und die vielen Facetten der familieneigenen Tempel zeigt. Anschließend gibt es extra für uns eine Tanzvorführung, die die Töchter und  Söhne der Familie aufführen. Auch der Defekt von zwei Kassettenrecordern und ein kurzer Stromausfall verringert keineswegs die Begeisterung mit der die Akteure uns die historischen Tänze vorführen. Was dann als Essen folgt, ist ein Feuerwerk der Düfte, ein Feuerwerk des Geschmacks. Über verschiedenste Salate, gerösteten Fisch, scharf eingelegte Hähnchenstücke bis zu traumhaft zarten und scharfen Tofu reicht die Palette. Befremdlich für uns Europäer ist, dass alle Familienmitglieder abseits beim Küchenhaus sitzen und auch nichts essen. Nach den balinesischen Sitten und Gebräuchen ist dies eine besondere Wertschätzung gegenüber den Gästen. Die Gäste sind hier der Mittelpunkt des Abends.

 Endlich steht die Fahrt in den Norden der Insel an. Leider haben sich die Regenwolken ausgerechnet heute, nicht wie üblich ab acht Uhr verzogen. Es regnet  monsunartig. Aber egal, schließlich hat es ja 28°. Die Balinesen hängen sich nur einen Regenponcho über, denn eine Regenjacke ist bei diesen Temperaturen und der hohen relativen Luftfeuchtigkeit völlig ungeeignet. Wir haben beides nicht, also muss die Windstopperjacke ausreichen. Zunächst in westlicher Richtung kreuz und quer in Richtung der Hauptstraße nach Norden tasten wir uns vor. Auch hier kaum Wegweiser die uns weiterhelfen. Allerdings verfehlen kann man die Hauptstraße nicht, denn dichter Verkehr brandet uns entgegen. Anfangs ist die Straße unspektakulär gerade und steigt auch nur leicht an.

 Doch zunehmend werden die Lastwagen langsamer, das Qualmen aus riesigen Auspuffrohren unerträglicher. Aber wir haben ja die Tiger. Leicht und schnell können wir alles überholen und haben ein Paradies für Motorradfahrer vor uns. Schön nach Yoga Manier genießen und „im Hier und im Jetzt“ die vielen zügig zu fahrenden Kurven in ordentlicher Schräglage auszufahren. Trotz der nassen Straße greifen die Reifen auf dem Asphalt perfekt. Im Kopf geistert schon herum, dass wir diese Straße unbedingt noch mal bei Sonnenschein fahren müssen. Je weiter wir der Passhöhe zustreben, desto dichter wird der Nebel und desto kälter wird es. Bald sehen wir nur noch 20 bis 30 Meter weit. Von den links und rechts aufragenden, über 2.000 Meter hohen Bergen ist natürlich auch nichts zu sehen. Ein kurzer Zwischenhalt im Botanischen Garten ist auch nicht wirklich erheiternd. Nebel, Regen, Kälte, als wären wir im Herbst in den Alpen.

 Auf der Passhöhe beim Ort Ganda Kunning heißt es erstmal aufwärmen. Zwischenzeitlich ist die Temperatur unter 18 Grad gefallen und es gibt keine einzige trockene Stelle mehr am Körper. Ein starker Bali Kaffee hilft ein wenig, aber zum Schlendern über den exotischen Markt fehlt die Begeisterung. Laut den Einheimischen soll die Sonne allerdings in etwa acht Kilometer Entfernung wieder scheinen. Und tatsächlich am Gitgit Wasserfall trocknen unsere Klamotten in der strahlenden Sonne. Die wunderschöne Passabfahrt mit diesen alpinen Kurven zwischen Bananen und Palmen macht süchtig. Links, rechts, links, rechts ohne ein gerades Stück dazwischen, einfach motorradgenial. Kurz vor der ehemaligen Hauptstadt Singaraja wird’s richtig heiß und wir fahren geradewegs auf das türkisblaue Meer zu. Entlang der Nordküste geht es gegen Osten. Je weiter wir uns von Singaraja entfernen, desto schmaler und kurviger wird die Straße. Trotz der starken Mittagshitze ist die Strecke ein Genuss. Denn links immer wieder atemberaubende Blicke aufs Meer, rechts die vielen kleinen Häuschen und überall lächeln uns die Menschen zu. Am wichtigsten Tempel Nordbalis machen wir, nachdem sich auch das Hinterteil mächtig zu Wort meldet, eine Pause. Doch in den Tempel Panjah Bata kommt man mit einem Sarong allein nicht hinein. Wir leihen uns neben einem Bauchtuch auch noch den traditionellen Kopfschmuck, den Udeng. Dann werden wir mit Reis auf Stirn und Hals und heiligem Wasser gesegnet. Doch wir sind nicht allein. Jung und alt, mit Auto, Moped, Motorrad machen hier halt und lassen sich segnen und beten um den  Beistand der Götter. Üppige Blumenpracht umrahmt die Figuren von Ganesh und Shiva, während im Hintergrund die Wellen des Meeres hereinbranden.

 Von hier sind es nur noch zehn Kilometer nach Bondalem in unser neues Domizil, ins Bali Mandala Resort. Dieses auch schon durch Sendungen des ZDF bekannte Resort hatte unsere Yoga-Lehrerin bereits in  Deutschland gebucht. Dreaming in Paradise, mehr fällt uns dazu nicht mehr ein. Liebevoll eingerichtete kleine Bungalows zwischen tropischen Blumen, im Schatten der großen Kokospalmen. Nicht zu vergessen, der Blick von der Terrasse hinaus auf das unendliche Meer. Davor dümpeln die traditionellen Auslegerfischerboote in der leichten Dünung. Nebenan flicken Fischer ihre Netze. Ein schwarzer Lavakiesstrand und ein Korallenriff direkt davor machen diesen Platz zu einer wahren Urlaubsoase. Etwas aufschrecken aus diesem Paradies lässt uns allerdings der Gedanke, dass wir schon am nächsten Tag um Halbacht und vor dem Frühstück mit unserem Yoga beginnen. Ein schmackhaftes, facettenreiches Abendessen und der aufgehende Mond schließen sanft diesen langen Tag.

 7 Uhr aufstehen, 7.30 Yoga, 10 Uhr Frühstück, Faulenzen und Motorradfahren, Mittagsessen, 16.30 Yoga-Meditation, 19 Uhr Abendessen, dass sollte nun in den nächsten 9 Tagen unser Tages Rhythmus sein.

 Dass der nächste Tag so hart werden würde, dachten wir morgens beim Aufstehen noch nicht. Insgesamt vier Stunden Yoga und sechs Stunden auf dem Motorrad liegen vor uns. Schon kurz nach Sieben stehen wir am Ufer und genießen den spektakulären Sonnenaufgang über dem Meer. Die Luft ist noch frisch und klar. Bei den Dehnübungen merke ich ganz gewaltig meinen Muskelkater. Wäre ich heute ein Auto würde ich die Abwrackprämie bekommen. Leidlich kämpfe ich mich durch die weiteren Übungen. Und doch strenge ich mich an, denn das weiß ich ja mittlerweile, dass dies alles für das Motorradfahren fit macht.

 Der zweite Teil des Yoga beginnt nach einem kurzen Frühstück auf dem Bike. Im Osten des Dorfes Bondalem zweigt die Straße zum Batur-Krater-See ab. Und gleich beginnen die ersten Kurven und der steile Anstieg. Eintausendfünfhundert Höhenmeter dürfen wir auf nur neun Kilometer strecken überwinden. Kurve an Kurve, nahezu kein gerades Stück führt uns Meter um Meter nach oben. Spitzkehren, die selbst das Stilfser Joch in Südtirol erblassen lassen. Diese Spitzkehren sind sehr besonders, denn inmitten der Kurve steigt diese um über 30 % Steigung an. Die Tiger muss immer öfters bis hinunter in den ersten Gang geschaltet werden. Zu zweit heißt es für das kleine Motörchen gewaltig zu arbeiten. Kurve um Kurve bleiben erst die Kokospalmen und dann die Bananenstauden zurück und werden von Laub- und Nadelbäumen abgelöst. Fast sieht es wie Zuhause aus. Doch sind es die vielen Kurven oder der betörende Duft der einem die Sinne raubt? Das Rätsel löst sich nach der nächsten Biegung. Überall im ganzen Dorf werden links und rechts der Straße auf großen Planen und Tüchern Gewürznelken zum Trocknen ausgebreitet. Der Duft nach Weihnachtsmarkt begleitet uns noch einige Dörfer weiter. Es wird merklich kühler und wir beginnen tatsächlich bereits zu frieren.

 Oben auf dem alten Kraterrand bereitet uns das Dorf Penelokan einen atemberaubenden Blick tief hinunter auf den kobaldblauen Batur-See und hinauf zum immer noch als aktiv geltenden Vulkan Batur, dessen großer Ausbruch vor vierzig Jahren große Teile des Tals verwüstete. Für die Sicht auf den größten Berg Balis, den 3.142 Meter hohen Agung sind wir aber heute eindeutig zu spät. Eine Wolkeninsel hüllt den heiligen Berg der Balinesen bereits ein. Steil, sehr steil stürzt sich der Weg vom Kraterrand hinunter zum See. Auf nur zwei Kilometer geht es 400 m nach unten. Es ist ruhig zu dieser Jahreszeit am See, nur auf den Feldern am See herrscht emsiges Treiben. Und viele fleißige Hände ernten hier die leckeren, roten, kleinen Zwiebeln. Wäsche wird wie in alter Zeit von Hand am Ufer gewaschen. Alles wirkt ruhig und friedlich.

 Ein kurioses Bild bietet sich uns, als einige Frauen auf ihren Köpfen perfekt balancierend Zweizylinder V-Motoren an den See bringen. Jetzt erst sehen wir die vielen grauen Kunststoffrohre die von den Feldern zum See führen. Die Motoren entpuppen sich als Wasserpumpen an die die Rohre vom See angeschlossen werden und dann das Gemüse mit Wasser versorgen. Der Gemüseanbau hat den Bewohnern des Kratertalkessels einen gewissen Wohlstand gebracht, was auch durch die vielen Neubauten unterstrichen wird. Von diesen vielen Eindrücken überwältigt haben wir das Knurren unserer Mägen fast überhört.

 Wir sind am See, also was liegt näher als im nächsten Restaurant im Ort Sangan einen Fisch zu bestellen. Frischer Fisch aus dem See steht auf dem Speiseplan. Da hier, wie fast überall auf Bali, noch richtig und erst nach der Bestellung gekocht wird, dauert es natürlich ein Weilchen bis wir unseren Hunger stillen können. Dann aber steht das köstliche Gericht vor uns. Über und über mit Zwiebeln belegt, ein urzeitlich aussehender Fisch. Urzeitlich groß sind selbst die dicken Gräten, die aber das Essen dadurch auch erleichtern. Köstlich zergeht jeder der gegrillten Happen auf der Zunge. Ein kulinarisches Highlight. Viel zu schnell ist der Teller leergegessen. Jetzt einen Mittagsschlaf machen sagt der Körper, aber der Kopf sagt: rauf aufs Motorrad und wieder hinauf auf den Kraterrand. Zunächst fahren wir einer Achterbahn gleich über den kaum verwitterten Lavastrom, auf dem auch kaum etwas wächst. Unheimlich sich vorzustellen, dass dieser Lavastrom hunderten von Menschen das Leben gekostet hat, Tempel und Häuser verschlang.

 Inzwischen haben sich die Wolken oben auf dem Rand weiter verdichtet und wir fahren durch leichten Nieselregen und kühlen Nebel. Das wäre sicherlich zu Kolonialzeiten den holländischen Bewohnern sehr bekannt vorgekommen. Aus der Kühle schwingen wir uns wieder hinunter an Meer. Mehr und mehr werden wir mutiger und mehr als einmal kratzen die Fußrasten ein Muster in die Kurven. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir die Nachmittagsmeditation. Wurde es mir vom Kurvenfahren noch nicht schwindlig, dann jetzt.

 Dreißig Minuten drehen im Kreis, wobei ein Fuß immer auf dem Boden bleibt und man nur seine ausgestreckte Hand anschaut. Wie in Trance, völlig am Ende lasse ich mich auf die Matte fallen, unfähig einen Gedanken zu fassen, aber auch unglaublich entspannt. Doch ans Ausruhen ist nicht zu denken.

 Es ist Vollmond und im nahe gelegenen Hindutempel findet eine große Zeremonie statt. Komang, unser Begleiter aus dem Resort, will uns das große Ereignis zeigen. Zuvor aber heißt es sich erst mal wieder angemessen zu kleiden. Kopftuch, Sarong, Bauchtuch und ordentliches Hemd. Wir tauchen ein in die große Menschenmenge, in die Klänge der Gamelankapelle und in die vielen exotischen Gerüche der Garküchen. Unablässig hören wir die Gebetsformeln der Priester, die den Ort noch mystischer erscheinen lassen. Konang hat uns vor dem Betreten des Tempels genau gebrieft, dass wir alle Rituale ihm genau nachmachen sollen. Gäste und Touristen sind gern gesehen, aber es wird auf der anderen Seite neben der korrekten Kleidung auch erwartet, dass man die Rituale richtig mitmacht. Für Konang ist dies sehr wichtig, denn würden wir uns daneben benehmen, würden nicht nur wir, sondern auch er das Gesicht verlieren. Mehrfach werden wir von Priestern mit heiligem Wasser und Reis gesegnet. Fast schon gespenstisch ruhig wird es als das Abschlussgebet gebetet wird. Danach branden die Gespräche und auch die Musik wieder lautstark auf. Die gesegneten Früchte und Geschenke, auch ein Handy ist darunter, werden wieder vom Segnungstisch geholt und eine große Zahl von Gläubigen macht auf den vom Vollmond beschienenen Heimweg. Viele bleiben jedoch bis zum Morgengrauen. Lange noch hören wir die Musik und die Gebete bis wir ermattet in tiefen Schlaf fallen.

 Endlich mal wieder richtig ausschlafen, mal das Yoga schwänzen. Das tut ja auch der Seele gut. Nach einem stundenlangen Frühstück mit Blick auf die balinesische See zieht es uns wieder aufs Motorrad. Wir haben von einem Wasserfall gehört, der in der Nähe kühles Nass aus den Bergen bringen soll. Deshalb kurz entschlossen Badehose anziehen und mit dem Gedanken an prickelnde Abkühlung starten. Acht Kilometer östlich des Dorfes Bondalem kündigt uns schon ein Hinweisschild den Wasserfall an. Leicht, mit Lavasand bedeckt, steigt die Straße bergan. Unvermittelt kommen enge Kurven und eine Steigung, die ich zuletzt nur beim Endurotraining erlebt habe. Vom kleinen Autoparkplatz führt noch ein Trampelpfad fünfzig Meter ganz offiziell zum Motorradparkplatz am Eingang zur Schlucht. Dort können wir unsere Helme abgeben und uns ohne Ballast auf die fünfhundert Meter machen, die uns von unserer Erfrischung trennen. Zunehmend spürt man den kühlen Wind, winzige Wassertröpfchen glitzern im Sonnenlicht wie kleine Sterne und wir stehen vor einer Wasserwand die aus über 30 m Höhe hinunterfällt. Jetzt, in der Nichtregenzeit, fällt das Wasser ziemlich gemütlich in den kleinen Pool am Fuße der Felswand. Wie schön ist ein Bad in diesem kleinen Becken. Ein Genuss der ganz besonderen Art, denn der Wasserfall gehört uns heute ganz alleine. Rings um uns herum spielen Regenbogen  in leuchtenden Farben. Es gibt doch noch etwas was genauso schön ist wie Motorradfahren. Prall gefüllt wie ein riesiger Kühlschrank, kann uns die Hitze und das schweißtreibende MeditationsYoga heute gar nicht aus der Ruhe bringen..

 Heute steht die ehemalige Hauptstadt Balis, Singaraja, auf dem Programm. Entlang der zunächst kurvenreichen Küstenstraße erreichen wir nach 30 km den belebten Ort. Zunehmend wird es heißer, Asphalt, Teer, Häuser strahlen gnadenlos die Mittagshitze zurück. Kein kühlender Wind belebt die Luft. Schon bei der ersten Fahrt rings um den Altstadtkern sehen wir, dass vom Scharm der Zeiten vor 100 Jahren nicht mehr viel übrig geblieben ist. Am alten Hafen, von dem kaum mehr etwas zu sehen ist wird gerade mit großem Aufwand die Promenade für geplante zukünftige Touristenströme neu gestaltet. Hoffentlich machen diese Baumaßnahmen aber halt vor dem kleinen Küstenweg, der sich anschließt. Unter Schatten spendenden Bäumen flanieren wir durch das alte Wohnviertel der Fischer. Aus allen Ecken schallt uns ein fröhliches „Hallo“ entgegen, Hähne werden von ihren stolzen Besitzern zum Hahnenkampf abgerichtet. Kleine Reiskugeln werden zu kunstvollen, mit Bananenblättern umwickelten, essbaren Köstlichkeiten geschnürt. Hunde und Katzen, friedlich vereint mit Hühnern und Küken liegen ermattet im Schatten der Häuser. Versteckt in den kleinen Gassen entdecken wir noch die eine oder andere schöne Fassade im holländischen Kolonialstil. Aber ein wirklich lohnenswertes Ziel ist es wirklich nicht. In der Bruthitze des Nachmittags zieht es uns wieder zurück ans Meer und natürlich zur allabendlichen Meditationsrunde.

 Was für die Dolomiten die Sella-Ronda ist, ist es hier auf Bali die Agung-Runde, die rund 160 km lang ist und rund um den 3.142 Meter hohen Vulkan führt. Wie in den Dolomiten stehen wir auch hier früh auf, wenn der Tag noch kühl ist und die Sicht weit in die Ferne reicht. Also sitzen wir schon um halb sieben auf unserer Tiger und fahren wieder die atemberaubende Passstraße hinauf zum Batur-See. Obwohl mit dicker Jacke ausgestattet, frieren wir jämmerlich oben auf dem Kraterrand. So kalt hatten wir uns das nicht vorgestellt. Aber das was wir zu sehen bekommen, raubt uns den Atem und wir vergessen fast Fotos zu machen. Majestätisch erhebt sich der heilige Berg aus den Wolken hervor und tief unter uns schimmert der türkisfarbene See im alten Kraterkessel, während Wolkenfetzen am gegenüberliegenden Kraterrand ins Tal stürzen. Ein wahrhaft mystischer Moment. Wir reißen uns von diesem Anblick los und zweigen kurz hinter Penelokan auf die steile Kraterrandstraße ab. Links der Straße fällt das Gelände fast senkrecht hinunter zum See. Rechts geht es, kaum weniger steil, zur Ebene von Zentralbali hinab. Wir müssen uns zwingen mit allen Sinnen beim Fahren zu sein. Einmal beim Bremsen verschätzt und es ginge deutlich nach unten. Kurz darauf fällt die Strecke in vielen Windungen hinab in Tal.

 Nach zwanzig weiteren genussvollen Motorradkilometern zweigt die Straße zum wichtigsten, zum heiligsten Tempel Balis ab, zum Muttertempel Pura Besakih. Alle Reiseführer haben uns vor dem Trubel und den vielen, teils aufdringlichen Händlern gewarnt. Heute aber sind die vielen fußballfeldgroßen Parkplätze leer, die meisten Läden sind geschlossen und fliegende Händler sind weit und breit nicht zu sehen. Nachdem wir pro Person die offiziellen 10.000 Rupien gezahlt haben, kostet der Abstellplatz für unser Motorrad auch noch 2.000 Rupien. Na, ja, wegen umgerechnet 14 Cent wollen wir heute einfach nicht handeln. Schnellt „gesellt“ sich auch ein Führer zu uns, den wir anfangs gar nicht wirklich wollen. Doch schon bald erkennen wir, dass wir uns in viele Tempel alleine gar nicht hinein gewagt hätten. Sehenswert ist die gewaltige Tempelanlage, mit dem gewaltigen Vulkan im Rücken, in jedem Fall. Leicht erschlagen nach so viel Kultur merkt offensichtlich auch der Führer, dass wir reif sind zum Zahlen. Anfangs möchte der fast umgerechnet fünfzig Euro. Schließlich meint er, das würden immer alle Gruppen aus dem Ausland zahlen. Nach langem, unangenehmem Verhandeln können wir uns auf umgerechnet 7 Euro einigen. Immer noch viel zu viel, aber wir sind ja selbst Schuld daran, schließlich hätten wir den Preis ja bereits am Anfang aushandeln können.

 Versöhnen tut unser Gemüt die traumhaft schöne Weiterfahrt durch üppige Palmenwälder, vorbei an Kaffee und Bananenplantagen und die Kurvenkombinationen am Abhang des Vulkans. Nach fünfzig Kilometer erreichen wir die reizlose Stadt Amlapura. Reizlos deshalb, da nach dem verheerenden Erdbeben des Jahres 1976 die Stadt schnell und gesichtslos aufgebaut wurde. Wenige Kilometer nordwärts kommen wir nach Tirtagangga, einem kleinen Dorf, das hauptsächlich durch die wieder aufgebauten königlichen Bäder bekannt ist. Doch jetzt geht erst mal Esskultur vor königlicher Kultur und wir stärken uns bei einem guten balinesischen Mittagsmahl. Anschließend steht uns auch nicht mehr der Wunsch nach Kultur und wir fahren weiter gegen Nordost. Aber was wir bisher von malerischen Reisterrassen gesehen haben, verblasst vor diesen Bildern, die sich uns direkt vor dem Motorrad bieten. Smaragdgrün, tief dunkelgrün oder gleich daneben hellgrün leuchten die Reisfelder in der Sonne. In den kunstvoll angelegten Terrassenfeldern tummeln sich hunderte Enten, die laut schnatternd nach allerlei Essbarem gründeln. Bauern pflanzen mit sicherer Hand neue Setzlinge in präziser, gerade Linie inmitten des Wasserlabyrinths. So langsam schmerzen die Ohren vom vielen Helm ab, Foto machen, Helm auf, Helm ab, Foto machen, …

 Auf der Weiterfahrt auf fast geraden Straßen durch die Dörfer wird es zunehmend heißer und der Fahrtwind fühlt sich eher nach einem riesigen Fön an. Die Landschaft passt dazu, denn große, schwarzbraune Lavafelder, kaum bewachsen mit vertrocknetem Gras finden sich nun links und rechts entlang der Straße. Selbst die Kokospalmen tragen nur einen traurigen Rest der sonst so ausladenden Palmwedel. Der heilige Berg, der Vulkan Agung hat hier 1975 mit der Verwüstung weiter Teile Ostbalis ganze Arbeit geleistet. Erst nach über zehn Kilometer wird es wieder kühler, wieder lieblicher. Vorbei an den angesagten Tauchgründen an der Nordküste sind wir zurück auf der von den Einheimischen scherzhaft Highway No. 1 getauften Küstenstraße. Kerzengerade geht es mit berauschenden 80 km/h zu unserem Ausgangspunkt in Bondalem. Bei den allgegenwärtigen Bodenwellen kommen die hinteren Stoßdämpfer mehrfach an ihre Grenzen und schlagen voll durch und wir belassen es dabei das Tempo zu halten. 160 km Agung-Runde, wir könnten mental gleich wieder fahren, wenn da nicht das schmerzende Hinterteil sein Veto einlegen würde.

 Dieser Batur-See, er hat es uns angetan. Uns zieht er magisch an, wie das Licht die Motten, den der bei uns schon liebgewonnenen Pass ist Motorradfahren pur. Schneller und zügiger diesmal. Fest die Augen und die Sinne bei den Füßen, ähm, natürlich bei den Reifen und der Straße. Heute können wir sogar mit den schnellsten einheimischen Fahrerinnen und Fahrern mithalten. Ein Rausch der Sinne für jeden Motorradfahrer, diese Kurven, diese Steigungen und die beruhigende Kühle der Berge. Kaum zu glauben, dass wir über eine Stunde hinauf auf den Kraterrand gebraucht haben. Gefühlte zwanzig Minuten waren dies doch höchstens; Zeit ist relativ.

 Gleich stürzt sie wieder, die Straße, hinunter zum Batur See. Soweit es möglich ist, fahren wir auf der Ostseite des Sees entlang. Nach knapp einem Kilometer ist von einer Straße nicht mehr viel übrig. Nur noch vereinzelte Teerfetzen erinnern an bessere Zeiten. Tiefe, ausgefahrene Löcher, teils mit Schwemmsand, teils mit zähem Schlamm gefüllt, fordern unsere Zielsicherheit heraus. Mehr schlecht als recht, zirkle ich die hierfür nicht wirklich geeignete Tiger hindurch. Steigungen und Gefälle, die weit jenseits der 30 % Marke liegen, zwingen zwar immer wieder in den ersten Gang, machen aber trotzdem oder gerade deshalb ganz besonderen Spaß. Links fällt die Straße ohne Absicherung zum See ab, rechts geht es steil nach oben. Der Weg führt zu einer kleinen, fruchtbaren Ebene, zum Dorf Abang. Hier geben wir auf und genießen lieber den Blick über das türkisfarbene Wasser hinauf zum Vulkan Batur. Ein Restaurant gibt es hier nicht, zum Glück für Authentizität, zum Pech für unseren Hunger. Deshalb zurück ans Westufer, schlangenartig windend durchs Lavefeld ins Örtchen Senang direkt am See.

 Doch was ist hier los? Aufgeregt stehen einige Menschen bis zu den Knien, bis zu den Oberschenkeln im Wasser und stochern im Wasser und Schlamm herum. Andere wiederum graben den Uferbereich im Flachwasser um. Gleich können wir uns dies nicht erklären. Die Menschen haben offensichtlich unsere erstaunten Gesichter gesehen, denn ein Bauer zeigt uns stolz den im Wasser treibenden Köcher mit den gefangenen Fischen. Fische, die sich im Schlamm eingraben können und damit eine erstaunliche Taktik der Tarnung anwenden. Aber, leider hilft die Taktik offenbar nur bedingt. Alles hat jedoch beim Fische fangen eine riesige Freude und ist stolz uns den Fang zu zeigen.

 Unweit entfernt lassen wir uns zu einem Mittagessen nieder und bestellen, wer hätte es gedacht, frischen Fisch mit vielen Zwiebeln. Und, wer hätte es ebenfalls gedacht, der Fisch sieht genauso aus, wie die Fische aus dem Netz. Direkt gegenüber des Restaurants ist ein „hier gibt es Alles“ Laden und die einzige Tankstelle im Kraterkessel. Schön sauber aufgereihte zwei Liter Wasserflaschen gefüllt mit, laut Werbeschild, Premium Benzin. Und der Umsatz ist nicht schlecht. Moped an Moped kommt vorbei und wird befüllt mit Sprit. Besonders witzig ist auch, dass der eine oder andere Liter ganz einfach in eine Plastiktüte fließt und dann als Ersatzkanister  am Lenker baumelnd nach Hause gefahren wird. Doch nun freut es die Gashand auf eineinhalb Stunden Kurven, Kurven und nochmals Kurven.

 Nun heißt es Abschied nehmen vom Bali Mandala Resort in dem wir zehn Tage unsere Seele haben baumeln lassen dürfen. Wo wir in einer Oase der Stille auch die Genüsse der aromatischen Küche und die zauberhaften Gerichte genießen durften und das ideal als Basisstation zum Pässefahren war. Auch das von den Mitarbeitern, auf balinesisch, gesungene Lied „Good Bye – auf Wiedersehn“ macht uns den Abschied nicht leichter. So manche verdrückte und auch offene Träne fließt. Und selbst die Fahrt auf der kerzengeraden Straße zu unserer nächsten Übernachtungsstation Amed lenkt nur wenig ab und dämpft kaum die Wehmut im Herzen.

 Das uns in blumigen Worten beschriebene und schmackhaft gemachte Korallenriff reizt uns natürlich schon sehr. Schnell ist am Strand für 35.000 Rupien eine Ausrüstung, bestehend aus Flossen, Brille und Schnorchel, gemietet. Aber so als Schnorchelamateure hat die Sache doch eine ganze Menge Tücken. Und es gelingt uns nur bedingt über die Korallenbänke ins etwas tiefere Wasser zu gelangen. Dafür donnert es mich aber gegen einen riesigen, weißen Korallenblock. Das Resultat kann sich sehen lassen. Beide Beine sind an vielen Stellen durch die messerscharfen  Zacken aufgeschürft, an den Händen sind ein paar Löcher neu zu finden und alles brennt im Salzwasser mörderisch. Und richtig toll sieht das viele Blut an den Beinen auch nicht gerade aus. Ganz schnell, wirklich ganz schnell, beschließen wir für heute, das Abenteuer Schnorcheln zu beenden.

 Da fühle ich mich einfach auf dem Motorrad deutlich sicherer und beschließe eine Fahrt um den kleinen Vulkan ganz im Osten der Insel. Von Amed führt die kleine Straße rund um den alten 1.175 m hohen Vulkan Seraga. Schmal und immer eng anschmiegend an den Abhang, mit atemberaubenden Blicken in die vielen kleinen Buchten in denen die so für diese Gegend typischen Auslegerfischerboote liegen, geht es bis in den Ort Kasanda. Hier, am östlichsten Punkt Balis, hat man die Aussicht auf die Nachbarinsel Lombok. Heute jedoch nicht, dafür viel Wind und bis zu sechs Meter Wellen die sich tosend an den Felsen brechen, dass der Boden unter den Füßen leicht zittert. Ab hier schwingt sich die immer kurvenreichere Straße weiter vom Meer weg und den Vulkan hinauf. Wieder wird es kühler, wieder durchziehen Nebelschwaden die Wälder entlang der Straße. Zwei Kilometer weiter hört das asphaltierte Band abrupt auf und wird durch eine erstaunlich gute, feste schwarzgraue Vulkansandpiste ersetzt. Durch winzige Dörfer führt der weitere Weg und man hat mehr als einmal den Eindruck, man fährt mitten durch die Wohnzimmer der Bewohner. Großes Hallo der Kindern begrüßt mich stets zwischen den Häusern. Offensichtlich kommen in diese Gegend, fernab vom Tourismus, nicht viele Fremde und so ist die Freude über den fremden Motorradfahrer besonders groß. Man kann ihm, in einem erstaunlich guten Englisch, Fragen stellen. Und so sind die acht Kilometer Piste viel zu schnell vorbei und ab Seraya geht’s wieder hinunter Richtung Meer auf einer überraschend breiten und guten Straße. Den berühmten Wassertempel schaue ich mir nur von außen an, denn ein wenig drängt die Zeit, schließlich möchte ich noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Amed sein. Also zügig durch das geschäftige und quirlige Amlapura bis ich nach wenigen Kilometern wieder in Tirttaganga, umgeben von den schönen Reisterrassen, bin. Jetzt kommen sie wieder, die runden, zügig zu fahrenden Kurven, die zum Schwingen und Wedeln einladen. Schnell, zu schnell ist die lange Gerade wieder erreicht, die ans Meer nach Amed führt. Die Sonne versinkt, in diesen Breiten üblich, sehr schnell hinter dem großen Vulkan Agung und ich gönne mir ein großes Bintang Bier und hänge in Gedanken nochmal gemütlich den vielen Eindrücken nach.

 Der letzte Quatierwechsel nach Ubud steht heute auf dem Programm. Nochmals vorbei am Rausch des Grüns der Reisterrassen zu einem kaum bekannten Aussichtspunkt im Dorf Putung. Die Aussicht über die Insel bis hinunter zum Lombok-Fährschiff-Hafen ist sehenswert, das kleine Restaurant dagegen weniger. Heruntergekommene Gebäude eines alten Hotels und kaputte Tische mit schmuddeligen Tischdecken lassen uns nur eine Cola aus der Flasche bestellen.

 Bei der Weiterfahrt merken wir zu spät, dass wir auf der Hauptstraße nach Semarapura, in alten Karten noch als Klungklung bezeichnet, sind. Große, alte Baulastwagen verdunkeln den Himmel mit riesigen schwarzen Dieselrußwolken. Die Taktik, die Luft anzuhalten bis wir überholt haben, klappt diesmal nicht, denn der nächste Rußwolkenmacher fährt keine zwanzig Meter weiter voraus. Ab Semarapura bis nach Ubud werden die Lastwagen zum Glück wieder weniger, der allgemeine Verkehr bleibt jedoch gewaltig. Die Fahrt auf und durch die berühmte Lücke im Verkehr macht aber trotzdem riesigen Spaß. In Ubud angekommen ist erst mal duschen angesagt. Das was da von den Armen runterkommt kann sich sehen lassen. In Worten: einfach nur schwarze Brühe. Wir dürfen gar nicht daran denken, wie es wohl in unseren Lungen aussieht.

 Bei der ersten Fahrt in den Norden hatten wir ja vor Regen und Nebel kaum bis gar nichts links und rechts der Straße gesehen. Auch nichts vom wohl bekanntesten Fotomotiv auf Bali, dem im Wasser des Bratan Sees stehenden Tempels. Die Suche nach der richtigen Straße nach Norden ist auch beim zweiten Mal nicht einfacher. Und wir wollen diesmal abseits der Hauptstraße fahren. Schließlich finden wir den Weg über Sangeh bis Petang. Fahrerisch nicht anspruchsvoll, versüßen uns aber die Farben der Dörfer und die vielen exotischen Düfte und der wenige Verkehr den Weg.

 In Petang soll uns laut Karte eine Verbindungsstraße wieder auf die Hauptstraße bringen. Zum Glück hält gerade ein Forstbeamter, den wir fragen können. Drei Kilometer seien es bis dorthin. Und er rät uns eindringlich langsam und ganz vorsichtig zu fahren. Warum sollte uns nach nicht einmal fünfhundert Metern blitzartig klar werden. Die Straße, in der Karte als gut eingezeichnet, ist kaum noch zu erkennen. Tiefer Schotter, nicht weniger tiefe Löcher in denen ein ganzes Motorrad problemlos verschwinden kann, direkt vor uns. Nur noch im ersten Gang rede ich der Honda Tiger und natürlich mir ein, wir fahren auf einer Hardenduro und uns kann nichts aufhalten. Trotzdem geht es nur noch leidlich voran, die Federung schlägt durch, der Hauptständer setzt unsanft auf und das ganze gepaart mit der, fast schon balitypischen, Steigung von über 30%. Nach gefühlter unendlicher Zeit erreichen wir doch noch unbeschadet die Hauptstraße. Kaum zu glauben, dass dies nur drei Kilometer gewesen sein sollen.

 Die vielen Kurven hoch zum Pass machen daher heute ganz besondere Freude. Das Ziel, der Wassertempel ist erreicht. Doch alles kommt uns ein wenig merkwürdig vor. Nach Zahlung von 2.000 Rupien mit Quittung für Motorrad und 10.000 Rupien Eintritt pro Person käme doch normalerweise der vorgeschriebene Punkt sich mit der entsprechenden Kleidung, dem Sarong, für den Tempel fein zu machen. Des Rätsels Lösung kommt gleich, denn der Tempel ist von Heerscharen von Touristen umlagert und offensichtlich als Tribut an den Massentourismus hat man die Kleidervorschrift abgeschafft. Der Tempel und die gesamte Anlage ist vom Heiligtum zum reinen Fotomotiv degradiert. Wenn auch zugegeben zu einem sehr schönen Motiv. Die Wolken ziehen sich mehr und mehr zusammen, es beginnt bereits leicht zu regnen. Höchste Zeit wieder ins Tiefland nach Ubud zu fahren. Leider können wir nicht wie die einheimischen Zweiradfahrer einen Regenponcho überziehen und so müssen wir durch den nun wolkenbruchartigen Schauer hindurch. Visier zu und auf die warme Dusche im Hotel freuen ist nun die Devise.

 Unsanft klingelt bereits um acht Uhr morgens das Telefon im Zimmer. Am anderen Ende unser Motorradvermieter und, er ist schon im Foyer des Hotels. Wollte er nicht erst um zehn Uhr kommen? Viel zu schnell müssen wir loslassen, unsere liebgewonnene Tiger, die uns fast 1.000 Kilometer ohne Mucken und Zicken begleitet hat. Der Motorradtraum Bali ist zu Ende, aber die unendlichen Eindrücke, die Vulkanlandschaften, die Reisterrassen und nicht zuletzt die freundlichen und warmherzigen Menschen bleiben im Herzen. Etwas verloren spazieren wir durch die Straßen und Gassen von Ubud und hängen in Gedanken bei den vielen Kurven, die uns und unser Inneres zum Schwingen gebracht haben.

 P.S.
Und für alle, die immer noch denken, Yoga sei nicht wirklich anstrengend, hier noch eine Übung die besonders gut für die gestressten Schultern von uns Motorradfahrerinnen und -fahrern ist:

Flach mit dem Rücken auf den Boden legen. Die Hände sind weit seitlich ausgestreckt. Und nun ganz langsam die ausgestreckten Arme hochnehmen bis sich die Handflächen oben wieder berühren. Aber bitte ganz langsam. Und langsam bedeutet, hier zehn Minuten vom Boden bis ganz nach oben. (Vielleicht eine Eieruhr zur Hilfe nehmen). Dann ganz langsam (wieder zehn Minuten) die Arme wieder absenken lassen. Viel Spaß bei der Übung.

 

BALI - INFOS:

Allgemeines

Bali ist eine 145 km lange und maximal 95 km breite Insel des Staates Indonesien. Sie ist u.a. auch als Insel der tausend Tempel bekannt. Auf Bali leben 3,1 Millionen Menschen. Die größte und wichtigste Stadt ist Denpasar im Süden der Insel. Der Hinduismus ist, im Gegensatz zum restlichen Indonesien, die zahlenmäßig größte  Religion. Mehr als 90 % der Bevölkerung sind Hindus. Die meisten Berge Balis sind vulkanischen Ursprungs und bedecken etwa drei Viertel der gesamten Inselfläche. Währung ist die indonesische Rupiah (IDR). Auf Bali wird hauptsächlich Balinesisch und Indonesisch gesprochen. Als nicht-indonesische Sprache ist Englisch, wegen des Tourismus, ebenfalls weit verbreitet. Balis Essen besteht hauptsächlich aus Reis und vor allem aus pikanten Speisen. Bali hat viele leckere Früchte wie Ananas, Mangos, Passionfrucht, Bananen, Kokosnüsse, Durian, Mangostanfrüchte und verschiedene Arten von Orangen und Grapefruits zu bieten. Geschmacklich unterscheiden diese sich deutlich von den Früchten gleichen Namens im heimischen Supermarkt. Das Geheimnis ist die Ernte erst bei Erreichen der vollen Reife. Bali ist zum Motorradfahren ein ideales Terrain, denn die unendlichen Kurven wechseln sich mit Steigungen und Gefällen ab, die selbst in den Alpen kaum zu finden sind. Nur den Spagat zwischen voller Motorradsicherheitskleidung und den Temperaturen muss jeder für sich selbst machen.

 

Anreise
Für die Anreise muss man mit einer reinen Flugzeit von 14 ½ bis 13 Stunden rechnen. Z.B. 12 Stunden von Zürich bis zum Umsteigen in Singapur und dann nochmal 2 ½ Stunden bis Denpasar. Von dort kann man recht günstig mit dem Taxi nach Ubud kommen. Direktflüge gibt von Deutschland und der Schweiz aus nicht, so dass stets ein Umsteigen mit, je nach Fluggesellschaft, drei bis acht Stunden hinzukommt.

 

Streckenlänge
Die beschriebenen Strecken auf Bali haben sich auf doch beachtliche 967 km summiert. Bei der Streckenplanung sollte man stets berücksichtigen, dass man im Allgemeinen auf keine große Durchschnittsgeschwindigkeit kommt und so 150 bis 200 km am Tag eine gute Richtschnur sind. Schließlich möchte man ja auch noch was sehen, erleben und vor allem gut essen.

 

Motorrad
Die Motorradmiete in Bali ist problemlos. 125 cm³ Roller und Motorräder kann man an allen Ecken und Enden mieten. Die 200 cm³ Honda Tiger, aber zum Beispiel, sollte schon von Deutschland geordert werden. Gute Erfahrung haben wir mit Bali-Motor-Bike (www.balimotorbike.com) gemacht. Motorrad wird auf Wunsch ins Hotel gebracht und dort auch wieder abgeholt. In Kuta gibt es auch die Möglichkeit Harley-Davidson zu mieten. In Bali, wie in ganz Indonesien, ist der Internationale Führerschein vorgeschrieben. Ebenfalls besteht in ganz Indonesien, auch wenn dies oftmals nicht so aussieht, Helmpflicht. Besonders in Touristengebieten wird dies auch kontrolliert (inklusive geschlossenem Helmgurt). In Bali wird links gefahren.

 

Reisezeit
Die Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es auf Bali nicht. Hier wird nur zwischen Regenzeit und Trockenzeit unterschieden. Fürs Motorradfahren bieten sich die Monate der Trockenzeit von April bis September an. Die Monate Juli und August gelten auch hier als Hauptreisemonate, wenn die Touristen aus Europa und vor allem Australien kommen. Entsprechend voll ist es dann natürlich und die Preise schnellen nach oben. Obwohl  die Trockenzeit so heißt, ist stets, insbesondere in Zentralbali, mit teils heftigen aber kurzen Regengüssen zu rechnen. An der Nordküste, nördlich der Gebirgskette, ist es heißer und durchweg trocken.

 

Unterkunft
Das Angebot an Unterkünften ist nahezu unüberschaubar. Außerhalb der Saison kann man überall etwas bekommen, vom Sterne Hotel bis zum günstigen Homestay mit Familienanschluss. Weniger üppig ist das Angebot an der Nordküste. Und möchte man in einem der romantischen Resorts verweilen, ist Vorbuchen ratsam. Besonders stimmig ist das Konzept, des auch aus einer ZDF-Reportage bekannten, Bali Mandala Resorts im kleinen Städtchen Bondalem in dem wir 9 Nächte verbracht haben (www.balimandala.com). Auch das benachbarte Shangrila-Resort lädt zum Träumen, Relaxen, Wellness und Massage ein (www.bali-shangrila.com). In Ubud haben wir die Ruhe und die Lage direkt zwischen den Reisfeldern im kleinen Hotel Tegal Sari am südlichen Ortsrand genossen. (www.tegalsari-ubud.com)

 

Literatur und Karten
Umfangreich ist das Angebot an deutschsprachiger Reiseliteratur.

Als Einstieg eignet der MarcoPolo Reiseführer Bali/Lombok , 135 Seiten, ISBN-10:3-8297-0367-8, 9,95 Euro. Die Landkarten sind detailliert, aber man sollte gute Augen oder Lesebrille haben. Mit 256 Seiten, 143 Farbbildern und 19 Karten/Stadtplänen schon gut geeignet zum Reisen und Motorradfahren ist der zum Preis: 12,90 EUR erhältliche Nelles Guide Bali/Lombok. (Ausgabe: 2009 ISBN: 978-3-88618-794-2). Besonders umfangreich und genau richtig fürs Motorradfahren ist der, leider z.Zt. vergriffene und nur gebraucht erhältliche, Reiseführer Bali & Lombok des Reise-Know-How Verlags. (ca. 750 Seiten, davon ¾ Bali betreffend. Als gute Standardlandkarte eignet sich die im Maßstab 1:200000 gezeichnete Berndtson Map (www.berndtson.com). Ein absolutes Muss allerdings ist die sehr genaue topografische Karte Bali, Road Map and Topographic Guide, die es in Bali für rund 80.000 Rupien gibt. Eine Traumkarte, die fast dreidimensional Kurven und Steigungen appetitlich darstellt.

(c) mototrotter.de


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