Okt 112012
 

Für mich sollte es wieder eine entspannende Tour durch Norwegen werden. Freunde besuchen und abschalten. Für meinen Freund sollte es eine neue Lebenserfahrung werden.


Land / Region:
Norwegen / Mittelnorwegen

Charakter:
Gemischte Strecken mit einem kleinen Anteil "Naturpiste"

Länge:
ca. 2500km ohne Anfahrt

Reisezeit:
Juni / Juli



Hi fra Norge 05.07.2010

Aus meinem Wunsch, wieder eine Moped-Tour durch Norwegen zu fahren wurde eine fixe Planung als mein Arbeitskollege und Neuling in Sachen Motorradreisen sagte: „ Ich fahre mit, dann sind wir ja schon zu zweit!“

„ Was weißt du denn über Norwegen?“

„Nichts, ich verbringe ja sonst meinen Urlaub im Süden und im Winter in den Alpen.“

Alpen, Süden, von alldem werden wir in Norwegen etwas haben. In fast keinem Land der Erde ist die Distanz zwischen der See und den Bergen so klein. Ok, es erschien ihm Ernst zu sein.

Also Planung abschließen und die Umsetzung starten. Die Fährverbindung Kiel – Oslo wurde gebucht und gab somit den zeitlichen Rahmen der Tour vor. Wir wollten ja schließlich mit beiden Fähren dieser Linie fahren. Ab hier gab es kein zurück.

Als Nächstes wurde ein Transportanhänger konstruiert um uns mit den Motorrädern die 650 km Autobahn bis Kiel zu ersparen. Man bedenke, außer ein paar kurzen Eifeltouren hatte er keine Erfahrung! Die Motorräder wurden, soweit notwendig, vorbereitet. Meine Afrika Twin erhielt zur Inspektion neue Stollenreifen von Conti und eine Überholung der Benzinpumpe mit neuem Kontakt und Freilaufdiode, die GS1200 ein paar neue Batterien für die Alarmanlage mit anschließender Neuprogrammierung des Systems. Man beachte die Schwerpunkte!

Aus der Erfahrung vorhergegangener Reisen stellte ich einen Pack-Plan zusammen. Was braucht man wirklich für 10 Tage? Aber aus dieser Planung wurde ein mittleres Chaos und ich war eigentlich auf so vieles vorbereitet.

Am ersten Abend in Norwegen türmten sich in Vorratsdose Berge von Tomatensuppe und Tüten mit fettarmer Zwiebelsoße.

Aus dem Vorschlag zwei Gurte zur Sicherung des Krades auf der Fähre vorzunehmen machte er vier, man weiß ja nie.

Desweiteren stapelten sich in seinen Koffern zwei Paar Schuhe, ein Paar Schlappen und die zusätzliche Freizeitjacke war ja nur ein Schnäppchen bei EBay.

Doch dazu später mehr.

Wir legten die 70 km vom Stellplatz des Autos bis Kiel in strömendem Regen zurück und hatten so auch einen zünftigen Einstieg in die Tour. Schließlich hatten wir noch keinen Meter zusammen gefahren und ein Norwegenurlaub ohne Regen gibt es nicht.

Am Fährhafen der Color – Line sammelten sich noch einige Motorräder und währe dort nicht ein norwegischer Harley – Club aufgelaufen, wäre die Konversation sehr BMW – lastig ausgefallen. Viele vertrauten auf das „Sorglospaket GS“ wenn es um die lange Reise geht. Ich plante ja schließlich mit 2500 km!

Moped auf der Fähre parken, verzurren und mit leichtem Gepäck in die Kabine; so war der Plan. Ich griff meine kleine Tasche und er führte einen kompletten Koffer mit. Da sich darin seinen Extrajacke, Extraschuhe und Extrareservegurte befanden hatte er gut zu schleppen.

Nach dem duschen bummelten wir durch das imposante Schiff und reservierten Plätze für das norwegische Buffet. Mein persönlicher Einstieg in die Reise!

Aufgrund der großen Auswahl an Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten ließ es die anfänglichen Strapazen und die Skepsis schnell vergessen.

Nach dem Essen noch ein Bier in der Lounge im 15. Stock und ab ins Bett.

Am nächsten Morgen erwartete uns Oslo in strahlendem Sonnenschein.

Nachdem wir die Zollkontrolle durchfahren hatten führte und die E16 aus Oslo heraus und wir fuhren meinem ersten Tagesziel, Vagamo, entgegen. Wir folgen der Straße 7 nach Gol und nehmen ab da die Straße 51. Sie ist ab Fagernes sehr gut ausgebaut und führte uns durch Oppland`s Ski – Gebiete und große Wälder. Vorbei am Jotunheimen Nationalpark.

Nach ca. 370 km erreichten wir Vagamo und meinen bevorzugten Campingplatz hinter einer Tankstelle. Er ist zwar nicht besonders schön, bot aber von dort eine gute Basis für weiterführende Touren. In der Tanke, welche ja gleichzeitig Laden und Schnellimbiss darstellt deckten wir uns mit den nötigsten Lebensmitteln ein und beim Abendessen tauchten zum ersten mal die Tomatensuppen aus seinen Koffern auf.

Am nächsten Morgen drehten wir noch eine Runde um den Ort und stiegen in den Pass nach Lesja ein. Jetzt konnte er zeigen was er kann. Hinter Vagamo`s Ortsschild beginnen über 50 km Schotterstraße. Bis auf annähernd 1800 m steigt der Pass sanft an und führt uns über den Kjolen. Da die Wikinger die Schönheit dieser kargen Landschaft kennen haben sie schnell eine Mautstation installiert. Der Pass entschädigt aber für jede Krone. Lenker locker führen und ab.

Nach Abstieg und Erreichen von Lesja besichtigten wir die Holzkirche mit ihren prächtigen und farbenfrohen Schnitzereien. Sie wurde 1749 erbaut und ist Teil eines Freilichtmuseums.

Weiter fuhren wir die E136 bis in die Nähe von Andalsnes. Dort, am Abzweig zur Straße 63, folgten wir dieser Straße und hofften auf trockene Verhältnisse an den Trollstiegen. Vorab warteten dort noch freilaufende Rinder und Schafe auf uns, in Norwegen nicht unnormales. Wir hatten einige Wohnmobile vor uns und konnten so nur sehr moderat die Serpentinen befahren. Oben, auf dem Aussichtspunkt angekommen standen wir in einer Baustellenlandschaft. Die Wikinger bauen diesen Aussichtspunkt zu einem Touristenzentrum aus. Aus Mangel an Parkplätzen fuhren wir bald weiter über Hol nach Linge. Dort die Fähre nach Eidsdal und weiter über die Straße 63 nach Geiranger. Der kleine Ort mit ca. 300 festen Einwohnern beherbergt in den Sommermonaten bis zu 1500 zusätzliche Touristen und ist Anlaufstelle für große Kreuzfahrtschiffe und Boote der Hurtigruten. Der Ort lebt von uns Touris, welche sich mit den Trollen fotografieren lassen. Die Hütten sind verhältnismäßig teuer, belohnten uns aber mit einem guten Fernblick über den spiegelglatten Fjord.

Am nächsten Morgen führte uns der Weg weiter über den Anstieg auf 1100 m zum Dalsnibba mit etwa 1500 m. Von der Hauptstraße zweigt ein 5 km langer Weg zur Aussichtsplattform ab. Bei schönem Wetter einen Abstecher wert. Bei uns versteckte er sich in einer Wolkendecke da sich das Wetter langsam zuzog.

Wir brachen durch die Wolken und fuhren die Straße 15 Richtung Stryn. Wir durchquerten mehrere Tunnel mit ca. 4 – 7 km Länge und ich wunderte mich über das Zurückbleiben meines Mitfahrers. Bei der Mittagspause erzählte er mir von seiner Nachtblindheit und dass er dadurch Probleme mit den teilweise unbeleuchteten Tunnels hat. Prima, sowas zwischen Tür und Angel zu erfahren. Eine Sprengung auf unserer Strecke zwang uns zu einer, fast einstündigen, Zwangspause auf der Straße 60 doch wir durchfahren diese Baustelle insgesamt dreimal.

Bei der ersten Durchfahrt hatten die Bauarbeiter gerade die letzten, großen Brocken in den Fjord gekegelt und nach passierter Baustelle überholte mich mein Freund mit Fingerzeig auf seine Augen. Er hatte kein Visier mehr an seinem Helm. Bei nächster Haltemöglichkeit erzählte er mir, dass er das Visier wohl in der Baustelle verloren habe, es wäre aber halb – so – schlimm. Er könne auch ohne dieses weiterfahren. Stinke sauer auf die Aussichten ohne Visier die Fahrt weiterzuführen fuhr ich zurück um das Visier zu suchen. Nach zweiter Durchquerung der Baustelle fand ich das Teil mit zwei leichten Kratzern aber Funktionsfähig. Weiter, nach der dritten Durchfahrt, ging der Weg nach Byrkjelo, über die Straße 5 Richtung Stedje und die Straße 55 bis Hella. Von dort die Fähre nach Balestrand und zu einem sauberen, kleinen Campingplatz im Ort. Mit 250 Kronen die billigste Hütte auf der Tour und Duschen frei, tolle Leistung.

Balestrand als alter Ferienort bietet schöne Aussichten auf das Umland und eine Ortsbild mit alten Hotels, gepflegte Gärten und zwei Kirchen. Am Hafen ein kleines Aquarium mit allem, was im Fjord kreucht und fleucht. Das Kviknes – Hotel war vor dem ersten Weltkrieg Urlaubsresidenz des Deutschen Kaisers Wilhelm II.

Da meine Twin bereits zweimal mit Aussetzern der Benzinpumpe nervte, beschloss ich bei strahlendem Himmel und unter Aufsicht deutscher Rentner die Pumpe zu demontieren und zu prüfen. Also Werkzeug raus und los, Kontakt neu justiert und wieder eingebaut.

„ Ich weiss gar nicht ob meine BMW Bordwerkzeug besitzt, doch was soll denn schon kaputt gehen?“

Auch die überlängte Kette wurde erneut gespannt und geschmiert. Ein Tribut an den aggressiven Granitstaub und die Dummheit zu glauben, dass sie für diese Fahrt noch ausreichte. Hätte ich sie doch vorher noch erneuert!

Die BMW nervte mit friemeliger Alarmanlage und Wegfahrsperre. Da bald jede dritte Maschine eine BMW war kam ich mir mit meiner „Ollen“ schon ein bisschen altertümlich vor. Sie stampfte aber tapfer über die Pässe und brauchte dazu keine 90 PS. Auch meine Stollen der Contis bissen sich in den groben Teer als gäbe es Mett zum Frühstück. Meine hohe Scheibe und der zusätzliche Touratech – Spoiler hielten mir den Wind vom Gesicht ab.

Von Balestrand ging der Weg zurück nach Dragsvik und mit der Fähre nach Vangsnes. Dann über die Straße 13 nach Vinje und die E16 nach Aurland, vorbei an der Stalheimskleiva. Einem Meisterstück alten Straßenbaus mit bis zu 18% Steigung. Wir fuhren aber durch den neuen Tunnel nach Flom und dann bis Aurland. Dort aßen wir immer im gleichen Kaffee zu Mittag und genossen saftige Burger und die schöne Aussicht.

Weiter ging der Weg über die kurvige Straße 50, den Aurlandsdalen nach Hol. Wir nahmen die Straße 7 bis zum alten Wintersportort Geilo und weiter bis Eidfjord, vorbei am riesigen Hardangervidda – Nationalpark und dem imposanten Voringsvossen - Wasserfall mit 182 m Tiefe. Die Straße und Aussicht ist einfach überwältigend. Achtung: Die Aussichtspunkte sind stellenweise nicht gesichert und haben weder Schilder noch Geländer! Die Wickinger sind da schmerzfrei. Über Serpentinen fuhren wir ins Tal. Da man uns für eine Hütte 600 Kronen abknöpfen wollte fuhren wir von Eidfjord wieder ca. 7 km zurück. Dort war es etwa die Hälfte, die Schlüssel zu den Hütten steckten auf den Türen und das „Mädchen“ zum kassieren kam gegen 22 Uhr auf den Platz. Sie hatte die 70 wohl weit überschritten. Zeit ist übrigens relativ da es im Sommer nie so richtig dunkel wird.

In Eidfjord hatten wir bereits die ersten 1500 km unserer Fahrt hinter uns und Alle feierten Mittsommer.

Am nächsten Morgen ging es über die Straße 13 nach Lofthus, Zentrum des Obstanbaus, und Odda.

Odda ist eine Industriestadt ohne großen Charme und lädt nicht zum Verweilen ein. Hinter Odda fuhren wir zum Latefossen, einem überwältigenden Zwillingswasserfall mit leider chronisch überfülltem Parkplatz. Weiter geht es Richtung Sand und Nesvik. Unterwegs viele Tunnel, teilweise auch ohne Licht. Da es mittlerweile regnete hatten wir uns ins Regenzeug gezwängt. Bei ihm wieder ein Restposten bei EBay und saß auch sehr knapp. Bei mir war es weniger die Größe meines Regenzeugs als mehr meine Figur eines Michelin – Männchens, welche mir den Schweiß auf die Stirn trieb. Nachdem wir mit der Fähre von Nesvik nach Hjelmeland fuhren hatten wir auch unsere ersten Wale gesehen. Wenn es auch nur kleine Schweinswale waren.

In strömendem Regen erreichten wir Forsand und erkundigten uns nach der nächsten Touristen – Fähre in den Lyse – Fjord. Als nächstes eine trockene Unterkunft für die Nacht finden. Durch die Nähe zu Stavanger, dem Prekestolen und dem Lyse – Fjord waren alle Plätze belegt und wir konnten über einen freundlichen Platzwart eine Kammer, 15 km hinter Tau, reservieren. Also zurück!

Uns erwartet in Wathne ein Platzwart aus North – Carolina und unterbreitet mir in seinem melodischen Englisch sein Angebot. Einen Caravan mit Vorzelt für 400 Kronen oder eine Kammer mit zwei Betten, angeschlossen an eine alte Werkstatt auf dem Platz, für die Hälfte. Nach Besichtigung entschied ich mich für die Kammer da die Werkstatt sauber war und wir die Halle für uns, die nassen Sachen und die Motorräder nutzen dürfen. Denn mittlerweile war auch wieder ein Schmierdienst und spannen der Kette angesagt.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Forsand zurück und bestiegen gegen 11 Uhr die Fähre nach Lysebotn. Wohl die letzte um diese Uhrzeit für dieses Jahr. Die Fähre bestreicht ca. 20 Aussichtspunkte im Fjord, vom Piratenstützpunkt bis zur Robbenkolonie und der Guide erzählt von einem deutschen Schwarzbrenner. Leider war die Sicht stark eingeschränkt und die obere Hälfte der Berge verschwand in den Wolken. Angekommen in Lysebotn nahmen wir den Pass am Oygardstolen vorbei, konnten ihn aber im Dunst nicht einmal erkennen.

Weiter führte der Weg über die alte Straße nach Normeland und weiter über die Straße 9 nach Evje. Seit dem Pass mit seinen ca. 1000 Höhenmetern schien wieder die Sonne und wir nahmen auf dem Campingplatz in Evje eine kleine, saubere Hütte.

Ein kurzer Trip führte uns nach Brennasen, unserer nächsten Station vor den Toren von Kristiansand und wir sattelten das Gepäck ab. Unbeschwert fuhren wir in das „Rimini des Nordens“ und ließen uns im Restaurant im Jachthafen das Essen schmecken. Bei mir, wie immer hier, eine leckere Fischsuppe nach Fang des Tages. Zur Verdauung schlenderten wir noch durch die Stadt und fuhren abends zum Quartier zurück. Am nächsten Morgen nahmen wir unter Führung eines deutschen „Auswanderers“ die Küstenregion um Mandal, den teuersten Ort von Norwegen, unter die Räder. Teils Schotterstraßen und teils enge Kehren am Wasser vorbei.

Wir besichtigen die alte deutsche Festungsanlage mit der großen Kanone aus dem zweiten Weltkrieg.

Geistig bereiteten wir uns auf die Heimreise nach Deutschland vor und unsere letzte Etappe führte in die Nähe von Drammen, die E18 entlang. Die gute ausgebaute Europastraße bietet keine besonderen Reize, erwähnenswert wäre aber das Cinderella – Cafe auf Höhe Arendal. Zum Mittagsmenü reichliches Buffet zu kleinen Preisen. Aber wir waren zu früh dran und zogen bis Hokksund durch. Dort schlugen wir unser letztes Lager auf und starteten am nächsten Morgen zum Hafen nach Oslo .

Voller Erleichterung über die pannen- und unfallfreie Tour bestellten wir uns bei strahlendem Sonnenschein einige kalte Biere und natürlich wieder unser Grand Dinner.

Die Heimfahrt in die Eifel war nur noch ein Klacks. Die Tomatensuppe liegt wieder im Schrank, die halbe Wäsche wurde nicht gebraucht und Extraschuhe wie auch Freizeitjacke blieben unbenutzt. Wohl eine Lehre für die nächste Reise.

Und meine Kette hat doch durchgehalten!

Michael Mauel

19.06. – 29.06.2010

 

Anlaufpunkte:

Heide - Kiel

70km

Oslo - Vagamo

370km

Vagamo - Geiranger

220km

Geiranger - Balestrand

270km

Balestrand - Eidfjord

330km

Eidfjord – Tau ( Wathne )

370km

Tau - Evje

190km

Evje - Kristiansand

100km

 

Kristiansand und Umland

150km

Kristiansand - Hokksund

310km

Hokksund - Oslo

60km

Kiel - Heide

70km

 

Gesamtstrecke Motorrad: 2510km


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