Mai 072012
 

Wohl kaum ein Urlaubsziel ist klischeebehafteter als Mallorca. Was es auf der Insel abseits des touristischen Rummels für Enduristen zu erleben gibt, haben wir auf einer Rundtour erkundet. Entdeckt haben wir dabei eine Insel, die im positiven Sinne „ganz normal“ ist.


Land / Region:
Spanien / Mallorca

Charakter:
Straße, Schotter, Trail

Länge:
385

Reisezeit:
ganzjährig



Man kennt das. Da erzählt einer, dass er auf Mallorca, vulgo „in Malle“, Urlaub gemacht hat. Und während er so von seinen Erlebnissen berichtet, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die fast entschuldigende Beteuerung kommt, man sei aber ganz bestimmt nicht am Ballermann gewesen, sondern im „anderen“ Mallorca.

Wenn so viele Leute, auch solche, die mut­maßlich nicht der Kampftrinkerfraktion zuzurechnen sind, begeistert von der kleinen Insel im Mittelmeer sind, muss ja irgendetwas dran sein an der Faszination „Malle“. Gehen wir der Sache also auf den Grund, begeben wir uns auf die Suche nach diesem viel beschworenen „anderen“ Mallorca. Wie? Natürlich mit dem Motorrad.
Los geht’s, und zwar vor Ostern, wenn sich Andrang und Temperaturen noch in Grenzen halten, und die Insel in voller Blüte steht.

 Knapp drei Stunden Flug, Transfer zum Motorradverleiher Mallorquin Bikes in der Nähe von Felanitx, Übernahme einer HP2 mit Sozius­fußrasten. Keine zwei Stunden nach der Landung des Flugzeugs sitzen wir im Sattel.
Erst mal warmfahren. Etwas Landstraße, und schon ist’s vorbei mit dem Asphalt. Schotter, einspurig, hügelauf- und hügelab. Hoppla, da fahren ja auch Autos. Das hätte man fast vergessen können, so schön flott geht es auf dem Sträßchen durch die Wälder. Dann eine kurze Verbindungsetappe auf Teer. Unser nächster Abstecher führt uns zu einer Attraktion der besonderen Art, die für Bewohner des offroadmäßig überregulierten Deutschland wie eine Offenbarung wirkt. Ein hügeliges mit Buschwerk und Bäumen bewachsenes Areal, tief von kleinen Tälern zerschnitten, und das Ganze überzogen mit einem Netz aus Singletrails, Steilauf- und abfahrten und ein paar breiteren Wegen. Also rein ins Vergnügen. Die HP2 schlägt sich dank fettem Drehmoment wacker in den teils engen und steilen Kurven, baggert sich tapfer auch die steilsten Auffahrten hoch. Extrem unübersichtlich ist das von Minitälern zerfurchte Terrain. Doch Mini ist relativ. In den bis 10 Meter tiefen Rinnen verliert man leicht die Orientierung, ist aber auch egal, denn irgendwo unten, am Fuß des Hanges muss die Schotterpiste sein, von der wir in das Gelände abgebogen sind. Dieser „Canyon“ ist jetzt aber besonders eng. Vorsichtig, mit gezogener Kupplung lasse ich den Boxer über einige Steilstufen rollen. Die Bremsen immer ganz knapp vor dem Blockieren. Lockermaterial wird zwischen Fels und Gummi knirschend zermahlen. Ein paar Meter ausgewaschenes Kiesbett, und schon ist die nächste Stufe dran. Uah! Gerade noch vor der Felskante bringe ich die HP2 zum Stehen. In Partien fast senkrecht geht es rund 10 Meter hinab. Der Fels ist total zerklüftet, zerschnitten in Grate und isolierte Blöcke. Mit einer Sport­enduro könnte man seitlich durch eine Rinne rollen, dem Boxer würde ich dabei aber sicher die Ohren abfahren. Schon beim Wendeversuch wird mir klar, dass ich auf dem steilen, lockeren Hang niemals genug Schwung bekommen werde, um die zurückliegende Stufe zu erklimmen. Wer hätte gedacht, dass ich auf der Ferieninsel in so eine heikle Situation gerate.

Da tauchen vier Jungs, Einheimische offenbar, wie aus dem Nichts auf. Mit ihren Downhill-Bikes kommen sie allen Gesetzen der Physik zum Trotz die seitliche Wand des Canyons herunter, grüßen kurz und verschwinden spielerisch über die große Felsstufe. Zielsicher sind alle vier über einen schmalen Grat, der sich über den zerklüfteten Stein zieht, gerollt.
Das ist die Lösung! Ich positioniere die HP2, kurzer Gasstoß, dann lasse ich das Bike rollen. Blick weit nach vorne, Gewicht nach hinten: easy und zielsicher rollt das 200-Kilo-Gerät den Fels entlang. Kompression bei der „Landung“ im Flachen, ausrollen, Erleichterung. Mit diesem kleinen Abenteuer beschließe ich die heutige Runde, und nachdem ich die Sozia wieder an Bord genommen habe, steuern wir gemeinsam dem Abendessen entgegen.

Den nächsten Tag widmen wir der Serra de Tramuntana, dem waldreichen Gebirgszug im Nordwesten der Insel. Von der Inselhauptstadt Palma geht es in flott zu fahrenden Serpentinen den Coll de sa Creu hinauf. Der nachfolgende Coll d’es Vent macht seinem Namen mit einer kräftigen Brise aus Südwest alle Ehre. Nach einer Berg- und Talfahrt über gepflegte Asphaltstraßen bekommen wir kurz hinter dem bei der deutschen Bussi-Prominenz beliebten Bergort Andratx endlich das Meer zu sehen. Die steile Küste ist hier im Nordwesten kaum verbaut, lange Strecken einsamer Landstraße liegen zwischen den Orten. So schmal der nutzbare Streifen an dieser Steilküste auch ist, es finden sich immer wieder schöne Schotterabstecher, die entweder parallel zur Straße verlaufen oder sich serpentinenreich Richtung Meer hinabwinden. Bis ans Wasser kommen wir aber nur selten. Entweder enden die Pfade an einem Steilabbruch oder ein Gatter verhindert die Weiterfahrt.

Ganz einfach gelangt man von Estellences hinab ans Meer. Ein steiles, schmales Sträßchen windet sich vom Kirchplatz hinab bis zu einer winzigen Bucht, in der jetzt im Frühjahr die Wellen bedrohlich an die schroffen Felsen klatschen. Kein idealer Ort, um zu baden, sehenswert aber allemal. Ein Restaurant mit Terrasse hoch über der Straße lädt zum verspäteten Mittagessen, als wir uns durch die engen, labyrinthartigen Gassen zwischen jahrhundertealten Steinfassaden wieder zur Hauptstraße hinaufgearbeitet haben. Auch wenn sich das Lokal beim Blick auf die Karte als Gourmettempel entpuppt, werden wir auch als einfache Reisende, die nur eine Kleinigkeit zu sich nehmen wollen, zuvorkommend bewirtet. Sehr sympathisch.

Frisch gestärkt machen die Kurven der mit „710“ bezeichneten Küstenstraße gleich noch mal so viel Spaß. Da ist es fast schon eine Überwindung, den Flow des Dahingleitens für einen Fotostopp beim berühmten „Turm der Geister“ zu unterbrechen.
In Banyalbufar kehren wir der Küste vor­übergehend den Rücken. Durch terrassierte Felder schlängelt sich ein Fahrweg den Hang hinauf, führt uns über gestrüppbewachsene Flächen und dichten Wald in einem großen Bogen durchs Hinterland, bis wir kurz vor dem Abzweig nach Valldemosa wieder die Hauptstraße erreichen.

Keine zehn Kilometer und wir verlassen die Küstenstraße wieder. Hingebungsvoll haben die Planer jede einzelne der Serpentinen, die einige hundert Höhenmeter nach Port de Valldemosa hinabführen, individuell in das Terrain eingepasst. Die klassische Haarnadelkurve findet sich hier ebenso wie Serpentinen, die erstmal ausholen, um dann einen Bogen von mehr als 180 Grad zu schlagen. Ein echter Genuss ist es jedenfalls, dieses Highlight der Straßenbaukunst hinabzuzirkeln, um schließlich am rostroten Strand des kleinen Hafenortes zu stehen.

Die länger werdenden Schatten erinnern uns an die vorgerückte Stunde. Der Aufbruch lässt sich nicht mehr hinauszögern, zumal wir uns etwa an dem unserem Unterkunftsort diametral entgegengesetzten Punkt der Insel befinden. Also noch ein paar beschwingte Kilometer vorbei am Künstlerdorf Deià bis nach Sóller. Trotz Zeitdrucks: der Straßentunnel kommt nicht in Frage, den Coll de Sóller wollen wir uns nicht nehmen lassen. Recht so. Über die Gipfel der Serra Tramuntana zu blicken und die Sonne auf ihrem Weg hinab zum Horizont zu beob­achten, lohnt fast jeden Umweg.

Ein kalter Windstoß schüttelt uns, als wir über den Scheitel der Strecke zum Kloster Ermita de Betlem rollen. Die plötzliche Kühle unterstreicht den herben Charakter des Landschaftsbildes hier im Nordosten der Insel. Struppige, geduckte Garrigue-Sträucher wachsen bis an den Fuß zerklüfteter Felsklippen. An die schottischen Highlands fühlt sich der flüchtige Betrachter erinnert. Doch blühende Polsterpflanzen und duftende Kräuter rücken das Bild schon auf den zweiten Blick wieder zurecht. Mehr als das Kloster interessiert uns ein geschotterter Pfad, der unbeschildert in die Garrigue abzweigt. Der Fahrspaß endet zwar wie so oft nach ein paar hundert Metern an einem Gatter, wo wir die HP2 etwas verschnaufen lassen. Ein schmaler Fußpfad, der uns bis auf einen Felsen mit herrlicher Aussicht führt, erlaubt, die Natur auch mal ohne die Barriere der Motorradschutzkleidung zu erleben.
Bis Artà müssen wir die bekannte Strecke zurückfahren, bevor wir einen Abstecher in den äußersten Nordosten unternehmen können. Nur mehr vereinzelte Fincas ducken sich in die Täler dieser einsamen und rauen Inselgegend. Nachdem wir fast den ganzen Tag Asphalt unter den Stollenreifen hatten, ist der Schotter, der sich kurz vor der Bucht Cala Torta einstellt, eine erfreuliche Abwechslung. Die breit ausgeschobene Piste rund um einen Felsvorsprung lässt vermuten, dass sich hier in der Saison die Autos drängen. Doch an diesem Frühlingsabend sind wir ganz allein mit dem geräuschvoll heranbrandenden Meer.
Johannes, unser Motorradverleiher, hatte uns die Situation genau beschrieben, und so ist es einfach, den Einstieg zu einem Singletrail zu finden. Spitz wie Zähne ragen rotbraune Felszacken aus dem karg bewachsenen Untergrund, entsprechend vorsichtig dirigiere ich den Boxer den schmalen Pfad hinauf. Nach ein paar Minuten haben wir den steinigen Rücken erklommen, der die beiden Buchten Cala Torta und Mesquida trennt. Abfahrt offroad und dann zügig vor Einbruch der Dunkelheit über Capdepera Richtung Hotel.

Zu wenig Zeit haben wir auf die Insel mitgebracht, das ist uns seit dem ersten Fahrtag bewusst. Zwar sind die Entfernungen auf Mallorca nicht groß, doch die Nebenstrecken sind kurvig, und zudem wird man ein ums andere Mal zu Abstechern animiert. Und so müssen wir den Südteil der Insel mit dem Leuchtturm am Cap de Salinas, dem Traumstrand Playa del Trenc oder der Steilküste rund ums Cap Blanc im Schnelldurchlauf absolvieren.

Jetzt waren wir also „in Malle“ – aber waren wir auch im „anderen“ Mallorca? Schwer zu sagen, denn eigentlich war alles ganz normal. Als persönliches Fazit bleibt: solange man den touris­tischen Hochburgen vom Typ Ballermann fernbleibt, vielleicht noch die Möglichkeit hat, die Hochsaison zu meiden, ist Mallorca eine sympathische Insel, auf der sich prima Motorrad fahren und Urlaub machen lässt. Muss man sich nicht für entschuldigen. 


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