Urplötzlich fahren wir in eine Schlucht ein. Links und rechts ragen Felswände in rot –grauen Farbtönen (Lü*) empor. Tief unter uns liegt ein Flussbeet, welches durch eine Imposante Brücke in wenigstens 100 m Höhe überspannt wird, die wir im Verlauf passieren. In der Ferne sind an den Flanken des Flusses grün bewaldete Hügel zu sehen.


Land / Region:
Spanien / Aragona

Charakter:
Straße

Länge:
405 + 505

Reisezeit:
Juni



Tag 7

Wir treffen uns gegen 8:30 an der Rezeption des Hotels und werden in eine anliegende Bar geleitet. Der ins Alter gekommene Barkeeper scheint nicht der Schnellste zu sein, bewältigt aber seine Aufgaben mit Umsicht. So können wir gestärkt zur 5. Etappe auf spanischem Boden, die 405 Landstraßenkilometer messen wird, gegen 9:20 Uhr aufbrechen. Die anvisierten Straßen zur N-330 sind sehr gut. Etwas anderes erwarten wir schon gar nicht mehr. Wieder stellt sich uns nur 1 Auto auf ca. 10km in den Weg. Wir passieren Yecla und ein paar weitere Ortschaften. Den Gebäuden entsprechend scheint es den Einwohnern in dieser Gegend wirtschaftlich gut zu gehen. Unmerklich verlassen wir die Region Murcia, streifen Kastilien-La Mancha und die Region Valencia. Bei Einfahrt Ayora bewundern wir die mächtige Ruine einer Burg links auf einer Anhöhe. Die N-330, der wir über 140km folgen gewinnt an Höhe, wird kurvenreich (Kl*) und somit die Landschaft interessanter. Die Hügel sind jetzt soweit das Auge reicht, grün bewaldet, die Ebenen bewirtschaftet. In einigen km Entfernung sehen wir mitten in dieser Idylle das KKW Confrentes. Wenn wenigstens die Kühltürme grün gestrichen wären. Der Siedewasserreaktor wurde 1985 in Betrieb genommen, obwohl die spanische Regierung bereits 1983 den Ausstieg aus der Kernenergie verabschiedet hat. Confrentes soll 2021 abgeschaltet werden.

Mein Blick schweift lange über den Horizont. Vielleicht zu lange. Nach einer Linkskurve sehe ich ein Polizeiauto und den Polizisten, der uns mit strenger Miene bestimmend zum Anhalten mit seiner Kelle schwingt. OK, behäbig anhalten, ruhig verhalten, Unschuldsmiene aufsetzen. Zunächst erhalten wir keine Informationen. Ein weiterer Polizist telefoniert. Dieser erklärt in strengem Ton: „You were driving too fast“. „Au weia“, denke ich, „das kann teuer werden“.Der Polizist kommt auf mich zu und erklärt, „Lasermessung in der 60km/h Zone“. Ich erwidere freundlich: „Sorry, I didn´t notice, I was looking over the beautiful land here“.  Nach Tacho bin ich fast 100 gefahren! Der Ordnungshüter telefoniert noch eine ganze Weile. Inzwischen sind wir etwas relaxter und setzen eine freundliche Diskussion in Gange. Nach weiteren bangen Minuten kommt der Polizist, der gutes Englisch spricht, auf mich zu und teilt mir mit, „ich wäre 89km/h gefahren und nur ich wäre gut zu erkennen. Sie haben eine Spanne von 50-100€ Strafe, ob ich mit 50€ einverstanden bin?“ Ich bejae dies schnell und hoffe, er erkennt meine Erleichterung nicht allzu gut. Seppe meint, „wir bezahlen das aus der Gemeinschaftskasse. Die hätten uns auch alle abkassieren können“. Er gibt dem Polizist zuerst einen 10€ Schein, dann einen 20er, dann noch einen, den er aber wieder wegzieht, als sein Gegenüber ihn greifen möchte. Als Seppe das Spielchen noch weiter treibt, bedeutet ihm der Ordnungshüter, das er den Schein  weiter in der Hand halten darf, aber in Handschellen auf dem Rücksitz des Polizeiwagens. Nachdem wir die „Straßenbenutzungsgebühr“ beglichen haben, verabschieden uns die Polizisten freundlich und erklären noch, wir sollen auf unserer weiteren Fahrt nicht so schnell fahren, und irgendwie grinsen sie dabei.

Wir fahren angepasst weiter bis wir über die N-330 auf die CV-9221 abbiegen. Es wird wieder sehr kurvenreich (Km*). Urplötzlich fahren wir in eine Schlucht ein. Links und rechts ragen Felswände in rot –grauen Farbtönen (Lü*) empor. Über uns sind an mächtigen Eisenträgern Fangzäune befestigt, die mit Steinen bereits stark befüllt sind. Tief unter uns liegt ein Flussbeet, welches durch eine Imposante Brücke in wenigstens 100 m Höhe überspannt wird, die wir im Verlauf passieren. In der Ferne sind an den Flanken des Flusses grün bewaldete Hügel zu sehen. Wir verlassen nebenbei die Provinz La-Mancha, fahren einige km durch die Provinz Valencia, um später auf der Al-1514 nach Aragonien einzubiegen. Die Landschaft bleibt spektakulär, die Straße (Km*). Wir befinden uns auf Höhen über 1200m. Neben uns liegt weiter im Landesinneren der Naturpark Puebla de San Miguel, der zu den schönsten Flecken Natur im Land Valencia gehört. Hier im valencianischen Teil der Sierra de Javalambre, befindet sich auch der Gipfel des Alto de las Barracas, mit 1839 Metern die höchste Erhebung Valencias. Die Hügel sind bewaldet mit Kiefern und Eichen. Zu den wundervollen Beispielen der Pflanzenwelt dieser Landschaft gehören vor allem die gewaltigen Exemplare des spanischen Wacholders, die bereits über 1500 Jahre alt sind. Bei Temperaturen um 20°C können wir fahren und genießen. In der Ortschaft Manzunera trinken wir an einer Bar noch einen Kaffee und entspannen für die kurvenreichen 140km der CV-190, welche die Richtung zum Zielort Benicassim in der Provinz Valencia ans Meer markiert. Der Verlauf ist genauso, wie es Street View vermuten ließ. 140km ohne nennenswerte Gerade mit einem wahren Kurvenknäuel zwischendurch (Ke* bis Km*). Ich komme lediglich ins Schwitzen, weil es Zeit zu tanken wird und keine Zapfsäule auftauchen mag. Aber bei dieser eher langsamen Weise der Fortbewegung passen selbst bei den Dukatis nach 240km keine 12 Liter in die Tanks. Vor Einfahrt Benicassims, Castellon de la Plana, wird der Verkehr dichter. Das angepeilte Hotel Bersoca erreichen wir jedoch zügig und die freundliche Dame am Empfang erledigt das Einchecken umgehend. Wir beschließen aufgrund der anstehenden 500km des nächsten Tages das Frühstück im Hotel auszulassen, um frühzeitig starten zu können. Da hier in Benicassim noch nicht Saison zu sein scheint, finden wir schnell Platz in einem guten Restaurant und werden bei Menu für 19€ fürstlich bedient. Den Tag lassen wir bei ein paar Bieren ausklingen und schaffen heute den Weg ans Meer deshalb nicht mehr.

Tag 8

Der Start gelingt tatsächlich reibungslos gegen 8:15. Wir fahren zunächst parallel der AP-7 auf der N-340 ca. 100km, denn diese Autobahn ist kostenpflichtig. Das geht etwas zäh, aber da wir an Zahlstellen meist zu kurzen Stopps gezwungen sind, schenkt sich das wohl nicht viel. Als schnelle Alternative habe ich die C-12 im Navi, um über Lleida schnell auf die neue Autovia C-25 zu gelangen. Jedoch sind wir zügig unterwegs, genießen die Aussicht auf den unter uns liegenden Ebro (Lü*) und die sich aufschwingenden Kurven (Kl*). Wir rasten kurz an einer Tankstelle, trinken Kaffee und nehmen ein paar Kekse als Frühstück. Ich beschließe das Navi umzuprogrammieren auf die Route durch das Hinterland von Tarragona. Auf T-731 und T-711 ist schnell klar, dass diese Alternative sozusagen alternativlos ist. Der mittlere Teil des Reifenprofils wird hier enorm geschont (Ke* bis Km*) Wir gewinnen an Höhe und fahren wieder in diese Bergwelt mit den schroffen Felswänden ein (Lü*). Es soll aber noch besser kommen. Wir biegen auf die TP-7403 ein, die breit ausgebaut ist  mit gut einsehbaren Kurven, die wunderbar mit 60 bis 100km/h befahren werden können. Irgendwie ist mir beim Blick in den Rückspiegel klar, dass Jürgen diese auf seiner Dukati SS900 ie etwas schneller genießen möchte. Da er dies angekündigt hat und ich weiß, dass er ein sehr sicherer Fahrer ist, lasse ich ihn passieren. Ich folge seiner Linie, muss aber bald eingestehen, dass das Fahrwerk der TDM900 mit dem der Dukati nicht konkurrieren kann, forciere das Tempo ohne Risiko einzugehen, und fröne unberührt den Freuden dieser Piste. Die Dukati 900 Supersport ie markiert die letzte Evolutionsstufe der SS-Baureihe luftgekühlerter Desmo V-Twins und wurde in den Jahren 1999-2002 gebaut. Sie ist straff gefedert, hat dadurch eine hohe Kurvenstabilität und geht für die 80PS bei 7500U/min erstaunlich flott. Jürgen nennt die Maschine, die schon annähernd 100tkm auf dem Desmo hat, Gironimo, und behauptet, die fährt wie ein bissiger Rotweiler. Ich denke darüber nach, welches Motorrad ich gerne fahren würde. Mir fallen eine Menge ein, von Triumph Sprint über Stelvio, Yamaha MT-09. Aber da außer der jährlichen Tour das Zweirad häufig nur die Garage verschönert, bleibe ich bei der TDM, die ich auch nicht emotionslos fahre. Vielleicht gebe ich ihr auch mal einen Namen und ein neues Farbkostüm.

Da Jürgen die nächste Kreuzung glatt verfehlt, halten wir kurz an und warten bis er seinen Fehler merkt und zurückkehrt. Es gibt außer heller Freude über diesen Hochgenuss kaum Worte. Jürgen und ich erklären die TV-7403 zum geilsten kurzen Pass Europas. Und wir meinen es Ernst! Und der Spaß ist noch nicht vorbei. Über C-242 schrauben wir uns auf Höhen über 1000m und fahren auf der TV-7004 parallel eines Bergkamms mit unzähligen, harmonischen Kurven weiter durch dieses Eldorado. An einer Bar in der Ortschaft Vilanora genehmigen wir uns noch Kaffee und Wasser und huldigen dieser Landschaft und Wegen. Thommy besucht noch einen kleinen Laden mit Spezialitäten der Gegend. Ein Glas Honig findet noch Platz im Koffer seiner CBF1000. Verschiedene Pestos, getrocknete Früchte und Ziegenkäse würden auch noch verlocken. Gestärkt nehmen wir wieder Fahrt auf und kommen nach einigen weiteren Landstraßen (Kl*) auf die neue Autovia C-25. Wird auch Zeit wieder den mittleren Teil der Bereifung zu nutzen, damit diese nicht spitz wird. Zu unserer Linken sind allmählich die Berge der Pyrenäen zu sehen. Über uns entstehen Wolken und in den Bergen scheint noch die Sonne. Ich beschließe kurzfristig auf die C-16 abzubiegen und die Alternative über die südlichen Pyrenäen zu wählen. Bei einer Diskussion am Vorabend war Thomy für diese Route, Klaus wollte lieber ans Meer, Jürgen, Manne und Seppe war´s egal. Puigcerda an der französischen Grenze ist schnell erreicht. Die Gebühr für den spanischen Asphalt, die wir abdrücken müssen, beträgt 9€ 73 Cent, oder so – ein krummer Betrag. Vor der Grenze machen wir an einer Tanke noch ganz voll, da wir nicht wissen, ob die verrückten Franzosen nicht immer noch streiken und deshalb kein Sprit erhältlich sein wird. Ich frage mich, ob es nicht besser wäre gleich durchzustarten. Die umliegenden Gipfel sieht man nicht mehr. Blitze durchzucken dunkle Wolken und versetzen diese in helles Licht. Die folgenden Donner veranlassen Kinder sich die Ohren zuzuhalten. Wir ziehen die Regenkombis über und folgen der N116.  Nach einigen km holt uns der Regen doch ein. Schade, denn die Passstraße hinunter Richtung Perpignan ist klasse (Ke* bis Kl*) und landschaftlich reizvoll. Im Verlauf lässt der Regen nach und wir biegen bald ab Richtung dem angepeilten Ziel Vernet-les-Bains, der schön am Rande der Pyrenäen liegt. Laut booking.com gibt es hier 3 Hotels zu erschwinglichen Preisen.

Das Gebäude, zu dem mich das Navi lotst, ist leider ein Wohnblock, der so nicht zu der Ortschaft passt. Ich gehe gegenüber in eine nettes Restaurant mit dem Namen „Les temps des cerises“. Die Chefin hier spricht etwas englisch, erklärt daß um die Ecke ein Hotel sei. Ich gehe dahin, alles ist offen, aber keiner da. Also kehre ich zurück und die nette, etwas konfuse,  aber hilfsbereite Dame telefoniert mit dem Besitzer des Hotels, der ankündigt in 15 Minuten zu kommen. Meine Kumpanen sind gegenüber inzwischen zu einem Kaffee eingeladen. Der junge Mann, dem die Unterhaltung mit deutschen Abenteurern sichtlich gefällt, zeigt stolz seine Uniform der französischen Polizei. Als ich aus dem Restaurant komme, ruft er der Chefin gleich zu, dass wir später zum Essen kommen und sie uns was Gutes auftischen solle. Wir parken schon mal die Motorräder am Hotel. Ein älterer Herr kommt mit seiner Tochter und nach kurzem Gespräch beziehen wir 3 Doppelzimmer zu 55€. Jürgen warnt uns schon mal vor Legionellen. Wir sollen erst mal das Wasser für 5 Minuten laufen lassen. Klaus ist mit dem Standort hier sichtlich nicht zufrieden und frägt: „sach amol, wos willst denn do in dem Kaff hier, do is doch dode Hose“. Etwas gespenstisches hat dieses Hotel schon, in dem wir die einzigen Gäste sind. Ich mutmaße zwischendurch, hier hätte sich Alfred Hitchcock Inspiration für einen Film geholt. Eine präparierte Oma im Schaukelstuhl würde uns kaum noch schocken. Auf dem Weg zurück ins Lokal schaue ich mir das Dorf genauer an. Es ist quasi in den Berg gebaut mit einigen farbenfrohen Häusern, einer Kirche mit schönem, schmalen Turm und einer Burg, die über allem thront. Das Dorf klammert sich an die Steigung am Fuße des Canigou, der mit seinen 2785m der Berg der Catalanen genannt wird. Im unteren Teil der Stadt ist ein Thermalbereich, der von warmen Wassern gespeist wird. Dieses ist umgeben von einem Casino, einem Satz von Villen, Parks und Gärten. Im Restaurant werfen wir schon mal einen Blick in die Speisekarte. Die erste Seite ist verziert mit Noten und dem Text des Liedes „les temps des cerises“. Eigentlich ein Liebeslied von Jean-Baptist aus dem Jahre 1866, welches von der Süße und der Vergänglichkeit der Liebe erzählt, ähnlich einer Kirsche, man sich aber trotz Schmerzen nie davon abwenden soll. Nach der Pariser Commune 1871 wurde dieses Lied zum Symbol des französischen Widerstandes, des immer wieder Aufstehens des Volkes. Liegt darin auch der Grund, weshalb wir morgen eventuell keinen Sprit kriegen? Die Verständigung wegen des Essens ist aufgrund unserer Französischkenntnisse schwierig. Wir entscheiden uns für das Menü zu 21€. Die Chefin mit ihren hellroten, halblangen Haaren nimmt alles umständlich entgegen, und wir fragen uns, ob bei dieser Schusseligkeit auch das ankommt, war wir bestellen. Wir bewundern derweil das Lokal. Mehr als 20 schön dekorierte und gedeckte Tische. Gläser in roten und grünen Tönen. Die Wände voller Bilder und allen möglichen Accessoires. Alles irgendwie stilvoll. Wir sind die einzigen Gäste. Unser Augenmerk fällt auf ein altes Motorrad, Motobecane mit Tankschaltung und Trapezgabel, welches wie alles andere zur Dekoration gehört. Inzwischen erhalten wir den gemischten Salat. Erstaunlich üppig für französische Verhältnisse. Auch das Steak mit Pommes ist sehr gut, die Creme de Catalan ist besser als die der letzten Tage. Lediglich das Bier, welches nur in 0,25l Flaschen verfügbar ist, geht zur Neige. So nehmen wir zum Abschluss einen Vin des pays rouge zu günstigen 8€, was man diesem auch anmerkt. Alles in allem ein versöhlicher Abschluss dieses ereignisreichen Tages. Eines muss man diesem Städtchen lassen - vergessen werden wir das nicht.


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