Mittwoch im Juni 2018 – Der heutige Tourtag steht ganz im Zeichen der Festungen und Canyons - beides reichlich vertreten in der Region Alpes Maritime und Alpes de Haute Provence.

Dabei ist sie ganz schön abenteuerlich - unsere Tour nach und von Entrevaux. Geht es gerade noch über hohe Pässe, so tauchen wir kurz darauf in tiefe


Land / Region:
Frankreich / Alpes Maritime / Alpes de Haute Provence

Charakter:
Passstraßen

Länge:
280

Reisezeit:
Juni - August



... Schluchten ab. Eine gigantische Kurven-Achterbahn mit unvergesslichen Eindrücken einer grandiosen Landschaft. Kein Wunder, dass auch hier die Route des Grandes Alpes Zuhause ist.

Wieder geht es erst einmal nach Osten, in Richtung Barcelonette. In Les Thuiles biegen wir so ab, als führen wir wieder zum Allos - aber dann geht es über Uvernet Fours hinunter zum wild schäumenden Bachelard.

Immer höher türmen sich zu beiden Seiten die Felsen auf - wir sind im "Gorges du Bachelard".

Die enge, felsige Schlucht beeindruckt mit ihren Wasserfällen, alten Steinbrücken und steil aufragenden Klippen. Die schmale, oft steile Straße neben dem tief eingegrabenen Bachelard, gehört zu den berühmten französischen "Balkonstraßen", den Dangerous Roads. Hierbei handelt es sich um ziemlich haarsträubende Pisten, die in den Fels eines Abhangs geschlagen sind. Ganz schön verrückt, hier zu fahren. Denn es braucht schon etwas Mut, über die nur wenige Zentimeter hohen Begrenzungsmauern in den unglaublich tiefen Abgrund unter dir zu schauen. Hier wäre Höhenangst natürlich kein guter Begleiter - hier hilft oft nur noch der intensive Blick auf den Verlauf der Fahrbahn vor dir, oder, falls vorhanden, auf das Hinterrad des vor dir fahrenden Bikes.

Manchmal hilft in diesen Passagen auch nur noch ein Stoßgebet, dass jetzt bloß niemand um die Ecke kommt. Und wenn doch? Ein leichtes Erschrecken, ein korrigieren am Lenkeinschlag - und schon ist der Moment vorbei. Was in solchen Momenten bleibt ist ein Aufatmen und etwas feuchte Hände.

Die Balkonstraßen sind kein Platz für Fahrfehler - aber ein Gelände für aufregende und unvergessliche Erlebnisse.

Irgendwann geht dann auch die tollste Strecke zu Ende - aber kein Problem - da kommt schon gleich der nächste Höhepunkt.

Über die Nordrampe geht es hinauf auf den "Col de la Cayolle" 2327m, 10% / **** / SG3

Es ist noch ruhig auf der RdGA, nur ein paar Rennradfahrer sind mit uns unterwegs zur Passhöhe.

Fahrerisch abwechslungsreich mit tollen Ausblicken auf die umliegende Bergwelt geht es hinauf zur Steintafel, die die Grenze zwischen dem Department Alpes de Haute Provence und dem Department Alpes Maritimes markiert.

Hier oben halten wir für eine Rast, um die Berge, den Himmel, die Wolken, die Vegetation - um einfach alles auf uns wirken zu lassen.

Vom Scheitelpunkt hinunter nach Süden zeigt sich der Cayolle von einer völlig anderen Seite. War die Auffahrt noch grün bewaldet und fast schon lieblich, so ist die Abfahrt ein echtes Spitzkehren-Vergnügen auf guter Piste in felsig-karger Landschaft.

Guillaume ist dann immer der nette kleine Ort, in dem man gerne einmal, in einem der einladenden Cafés, eine Pause einlegen möchte. Passt aber leider auch heute nicht so recht in den Plan.

Vorgestern sind wir die D28 von Valberg gekommen - heute nehmen wir die kleinere D29 um über Péone nach Valberg zu kommen.

Es geht den Berg hinauf und kurze Zeit später ist die ganze Umgebung in grauen Staub gehüllt. Lärmende Baumaschinen bearbeiten den Fels um die Fahrbahn zu erneuern und für uns sicherer zu machen. Die mit Tüchern und Atemmasken vor dem dichten Staub geschützten Bauarbeiter schwitzen in der Hitze - aber sie haben ein Herz für Biker und winken uns freundlich-beherzt durch.

Als wir den Marktplatz von Péone erreichen ist es auch dringend Zeit für eine Pause - leider ist aber die einzige Restauration am Platz geschlossen - Vorsaison halt.

Auch kein Problem - wir verschmelzen mit der Landschaft und anschließend schauen wir im Topcase nach, was dort so zur Stärkung vorhanden ist.

Während wir hier noch stehen und uns über das bisher Erlebte unterhalten, zieht eisern der Radfahrer an uns vorbei, der mit uns durch die Baustelle gefahren ist. Bei der Weiterfahrt werden wir ihn dort überholen, wo er eine nach der anderen Spitzkehre hochzieht - das sind schon coole Biker.

Apropos coole Biker - unter ihnen sind auch viele Frauen, die wir mit ihren Rädern an den Pässen sehen - alle Achtung!

Gleich hinter Péone geht es in einer ganzen Reihe von Spitzkehren weiter den Berg hinauf - eine tolle kleine Straße, die uns von Norden nach Valberg bringt.

In Beuil treffen wir auf die Cians, deren Ufern wir nun für eine gute Stunde nach Süden folgen.

Die recht gut ausgebaute, immer wieder von kurzen engen Tunnels unterbrochene D28 führt uns zunächst durch die obere "Gorges du Cians" 1440 / **** / SG2.

Wie wir sie schon vorgestern aus der anderen Richtung erlebt haben, ist die Schlucht im oberen Teil ein besonders beeindruckender landschaftlicher Genuss im Zusammenspiel des roten Gesteins mit der üppig grünen Vegetation und dem rauschenden türkisfarbenen Wasser.

Wir sehen links die Abzweigung nach Pierlas an uns vorbeiziehen, ab hier ist die Cians-Schlucht Neuland für uns.

So nach und nach verliert sich das Rot der Schieferfelsen, dafür hat sich das wilde Wasser des Cians hier seit Jahrmillionen immer tiefer in den nun hellen Kalkstein gegraben. Felsnadeln, Klippen hoch über uns und große Felsbrocken neben uns im Fluss. Unser Weg windet sich entlang der zerklüfteten Felswände, aus deren Spalten unzählige kleinere und größere Wasserrinnsale und Wasserfälle fließen. Am Ende der Schlucht ergießt sich die Cians in den Var - 25 Kilometer und 1.600 Höhenmeter haben wir mit dem ungezähmten Fluss zurückgelegt - eine beeindruckende Reise durch den Canyon du Cians.

Auf der überbreit ausgebauten D6202 fahren wir - jetzt auch ungezähmt - westwärts nach Puget-Théniers. Hier schwenken wir wieder nach Süden ab, überqueren die Bahngleise und den Var und klettern die D2211A zum Col Saint Raphael hinauf. Der Col an sich ist weniger spektakulär als die acht Spitzkehren dorthin - vor allem, wenn man sich auf dem Weg dorthin den Fahrspaß nicht durch zwei schwere, vollbeladene Bitumen-Laster verderben lassen will. Da heißt es - Mit Anspannung auf den Ausgang der nächsten Kurve warten - Frei? - Den Gasgriff auf Anschlag reißen - Und nichts wie vorbei! Zwei LKW's - acht Bikerinnen und Biker - sechzehn mal Adrenalin pur!!

Nach einer kurzen Pause am Col Saint Raphael geht es weiter auf unserem Weg nach Entrevaux.

Eine kurze Zeit bleiben wir noch auf der gut ausgebauten D2211A, dann biegen wir nach rechts auf die D10 ab. Diese abenteuerliche Strecke durch den "Nationalpark Mercantour" ist wieder ein absoluter Glücksgriff. Kein Reisebericht, kein Routenplaner und kein Navi mit kurviger Strecke gab die Idee zu dieser entlegenen Route. Einzig die beiden Passknacker-Punkte Col de Trebuchet und Col de Félines haben uns in diese tolle Bergregion gebracht.

In La Rochette geht es durch einen Tunnel zum einsamen Bergdorf. Die ältere Dame auf der Bank vor ihrem Haus hat uns wohl schon länger den Berg hinauf kommen gehört. Sie schaut gespannt in unsere Richtung und lächelt, als wir winkend an ihr vorbeifahren. Viele Fremde wird man hier oben wohl nicht sehen.

Hinter dem Col de Félines sehen wir zum ersten Mal die Festungsstadt Entrevaux - weit vor und unter uns liegen. Ein fantastischer Anblick aus unserer Position. Dort unten die altertümliche Stadt am Var, darüber die Festung und rundum die weiten Berge und Wälder. Was auffällt sind die vielen braunen und abgestorbenen Kiefern - ob Trockenheit oder Umweltschäden - es sieht schon bedenklich aus.

Einen kleinen Schreckmoment gibt es noch, als ein Reh mir fast vor's Vorderrad läuft. Im letzten Moment springt es mit einem schrillen Schrei ins Unterholz zurück - noch mal gut gegangen für uns beide.

Über etliche Spitzkehren geht es von der Höhe hinunter - immer im rechts- links- Rhythmus - das beeindruckende Panorama auf Entrevaux - Festungsstadt am Var - vor Augen.

Praktisch unbemerkt kommen wir durch die Hintertüre nach Entrevaux und erklären eine zentral gelegene Fläche zu einem geeigneten Stellplatz für unsere Bikes. Der Place Louis Moreau liegt genau gegenüber des Torbogen zur Altstadt - Biker wollen nicht gerne weit laufen.

Eine Stunde Pause - die einen wählen die Eisdiele zehn Schritte seitlich - die anderen investieren ein paar wenige Schritte mehr bis in die historische Altstadt.

Torbögen, schmale Gassen, hohe Häuser und mittendrin ein lauschiger Platz für Touristen. Heute - in der Vorsaison - sind praktisch keine von ihnen da - wir zählen ja nicht dazu - sind ja Reisende. Ein kleiner Rundgang, ein Blick hinauf zur Festung - da müssen wir nicht unbedingt hinauf.

Stattdessen setzen wir uns schön gemütlich, unter alten Bäumen, zu einem Café, das von einer freundlichen älteren Dame betrieben wird. Gleich nebenan gibt es einen romantischen Laden, in dem es all die schönen Kleinigkeiten gibt, die man von solch einer Reise wie der unseren mitbringen kann.

Ein Fläschchen mit einem hiesigen Likör weckt mein Interesse - den kann ich dann Zuhause gemeinsam mit C. probieren und ihr von diesem wundervollen Ort erzählen.

Nun schmeckt ihr dieser - zugegeben etwas herbe Likör aus der Region Mercantour - nicht so besonders. Da schwelge ich dann selber - Schlückchen für Schlückchen - in schönen Erinnerungen.

Durch unsere Unterhaltung in deutsch auf uns aufmerksam geworden gesellt sich ein Einheimischer zu uns. Er ist als junger Deutscher hergekommen - und geblieben. Durch seine Arbeit als Ranger im Nationalpark Mercantour kann er uns einige interessante Informationen über die Stadt, die Häuser, die Menschen und den Nationalpark geben. Eine interessante Begegnung.

Unsere Zeitreise zwischen den alten Mauern von Entrevaux geht zu Ende. Auf dem Rückweg zum Stadttor werden wir noch einmal an die Zeit der französischen Revolution erinnert - da wurde man hier auch schon mal festgehalten und in den Kerker geworfen - wir aber dürfen die Stadt unbehelligt verlassen.

Wie das ja immer so ist: Stellt man nur ein Motorrad irgendwo hin, gesellen sich gleich mehrere dazu. So auch hier. Zu unseren Bikes haben sich mittlerweile noch einige dazugesellt. Das stört aber selbst die vorbeifahren Polizisten nicht.

Eine Tankstelle haben wir schon ewig nicht mehr gesehen - aber hier sollte es wohl eine geben. TomTom - einmal auf die Fährte angesetzt - wird dann auch gleich am östlichen Stadtrand fündig. Nun ist auch Ute wieder beruhigt - nur ihre automatische Luftdruck-Anzeige signalisiert Nachbesserungsbedarf. Das wird dann im Hotel mit ThomasK's umfangreichem Erste-Hilfe-Equipment nachgebessert.

Zuerst geht es auf der D4202 nach NW und dann auf der D2202 nach NO. Hier haben wir zunächst  noch den schönen Ausblicke auf den Fluss und das weite Tal des Var.

Nachdem wir dann aber den kleinen Ort Daluis erreicht haben treten die Felsen zu einer engen Schlucht zusammen und die Gesteinsfarbe ändert sich von Hellgrau in Dunkelrot - wir sind in der „Gorges de Daluis“ 800m / **** / SG2

Hier hat der Var einen tief eingeschnittenen Canyon in den Fels gegraben - wir dagegen fahren hoch über dem Grund der Schlucht. Es geht ganz nah am Rand der steil abfallenden Wände vorbei und nur hin und wieder gelingt uns ein Blick bis auf den Boden der Schlucht. Es gibt ein paar Stellen, an denen man mit einer kleinen Gruppe anhalten könnte - ansonsten ist auch die langsame Fahrt durch den Canyon ein beeindruckendes Erlebnis.

Die Strecke zwischen Daluis und Guillaumes durch den Gorges de Daluis - das sind rund 12 atemberaubende Kilometer. Die Ausmaße der Landschaft, die Tiefe der Schlucht und der Blick auf die schwindelerregenden Serpentinen machen die Strecke zu einer der schönsten Motorradrouten in den französischen Alpen.

Es geht mehrmals durch kurze Tunnels und manchmal fährt man schmalspurig um die Felsen herum - einfach atemberaubend. Einige Kilometer vor Guillaumes überspannt die Bogenbrücke Pont de la Mariée die Schlucht - ein spektakulärer Punkt und wie man hört - ein Paradies für Bungeespringer.

In Guillaumes schleißt sich der Kreis, der uns durch die Cians- und die Daluis- Schlucht geführt hat. Die Frage, welche der beiden beeindruckender war ist nicht leicht zu beantworten.

Mein Favorit: Die komplette Runde mit beiden Schluchten!

Es hatte sich schon länger angedeutet - und jetzt fallen die ersten Regentropfen. Nicht so kleine und einzelne Tropfen wie bei uns, bei denen man  einfach weiterfährt - sondern ein richtig heftiger Schauer, den man nicht so einfach ignorieren kann.

Gerade vor uns liegt die Einfahrt zu einem Tunnel - die Gelegenheit, schnell die Regenkleidung überzuziehen. Wir halten seitlich rechts vor der Einfahrt - hinein in den finsteren unbeleuchteten Tunnel möchte ich mit unserer Gruppe nicht fahren - ein Felsüberhang schützt uns auch hier ausreichend vor dem Regen. Bis wir mit unseren Regensachen fertig sind ist schon fast der ganze Tunnel mit Bikern und zwei Oldtimer- Cabrios gefüllt - alle wollen sich hier schnell wetterfest machen.

Da ich mit dem Rücken zum Eingang stehe, werde ich erst durch die grinsenden Gesichert meiner Gefährten auf die Show hinter mir aufmerksam. Dort steht eine Bikerin im String-Tanga und macht sich - ohne Schutzkleidung - regenfest. Sachen gibt's :)

Wir sind als erste wieder aus dem Tunnel heraus und fahren erstmal vorsichtig weiter. So schnell und heftig der Regen gekommen ist, so schnell ist er auch wieder vorbei. Aber die Regensachen lassen wir an, da scheint noch mehr zu kommen.

In Saint-Martin-d'Entraunes geht's links zum Allos - aber den kennen wir ja schon aus beiden Richtungen. Also biegen wir nach rechts ab zum Col de la Cayolle. Waren wir bei der Hinfahrt heute morgen noch fast alleine unterwegs, so ist jetzt, am späten Nachmittag, hier schon mehr los. Vor allem eine Personen- und Ps- starke Gruppe aus Austria macht mächtig Druck auf die vor ihnen fahrenden Bikes. Wo- und wo es auch nicht geht, wird auf Teufel komm raus überholt. Der Guide brettert vorneweg und keiner scheint das Hinterrad seines Vordermanns aus dem Auge verlieren zu wollen. Die komplette Route des Grandes Alpes in zwei Tagen - so geht das!

Am Scheitelpunkt des Cayolle geht's noch einmal mit dem Regen los - so wird das leider nichts mit der schönen Aussicht bei der Abfahrt.

Später scheint dann wieder die Sonne und um 18 Uhr sind wir pünktlich und trocken zurück im Hotel.

Morgen starten wir unsere Königsetappe bis ans Mittelmeer - Kaiserwetter ist angesagt.

 

Gefahren TourTag 3: 280 km von 9:00 bis 18:00 Uhr

Einen Bericht zu dieser und weiteren Touren findest du auch im: WestwardBlog

Viel Spaß & tolle Touren wünscht HerBert


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