Wer diese besondere Straße im chilenischen Patagonien noch in ihrer ursprünglichen Form erleben und befahren will, muss sich beeilen, denn Tag für Tag fressen die Asphaltierungsmaschinen Meter um Meter dieser abenteuerlichen Schotterpiste auf. Doch der wahre Geist dieser Piste sind die Reisenden. Ob Backpacker, Fahrradfahrer, Auto- oder


Land / Region:
Chile / Patagonien

Charakter:
Größtenteils Piste

Länge:
1146

Reisezeit:
Februar - März



... Wohnmobilisten oder wir Motorradfahrer, alle haben ein gemeinsames Ziel. Den Endpunkt nach 1.200 Kilometer zu erreichen. Und dies schweißt zusammen. Karl Spiegel (Text und Fotos) und Marcus Ehren (Fotos) gehen diesem Geist auf die Spur.

Es ist der erste mal auf meiner elfmonatigen Südamerikatour dass ich in Begleitung eines zweiten Motorrad unterwegs bin. Genauso wie in Peru, als Bärbel als Sozia dabei war, ist es zu zweit deutlich kurzweiliger und unterhaltsamer. Schon das morgendliche Aufpacken der Maschine wird begleitet von einem kleinen SchwätzcheriPs nieselt. Es regnet. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen dass der erste Fahrtag mit Marcus, der mich vier Wochen auf einer 650er BMW begleitet, so verregnet ist. Frierend befahren wir die Ruta 5, die Panamericana, mit Kurs Süd nach Puerto Montt. Ein kleiner Aufenthalt und eine Tankpause machen wir in Puerto Varas. Anders als vier Tage zuvor, als ich hier schon einmal war, können wir den Blick auf den Vulkan Osorno, den wohl schönsten Vulkan Südamerikas, nicht genießen, hüllt sich doch dieser in dichte Wolken. Nach achtzehn Kilometern erreichen wir die Hafenstadt Puerto Montt. Immer noch regnet es. Etwas Schönes kann ich der Stadt nicht abgewinnen. Auch die Fahrt entlang der Promenade ist ziemlich nüchtern. Da sehe ich zum ersten Mal das Schild mit dem magischen Schriftzug „Carretera Austral". Jetzt, ja jetzt, sind wir auf dieser legendären Straße die in den tiefen Süden Chiles führt, bis zum Endpunkt Villa O'Higgins. Doch genau auf dem ersten Meter Carretera Austral hört es schlagartig auf zu regnen, Verschmitzt blickt die Sonne hinter den tiefgrauen Wolken hindurch. Malerisch führt die Straße direkt am Meer entlang. Schnell, sehr schnell ändert sich das Landschaftsbild. Es ist als würden wir durch die Fjorde Südnorwegens fahren. Plötzlich finden wir uns auf einer Schotterstraße wieder. Da es geregnet hat, ist die Piste schmierig und bietet kaum Grip. Doch sie ist neben der Autospur leicht geschottert und genau auf diesem Stück Straße lässt es sich gut und sicher fahren. Bis zu 90 Stundenkilometer sind möglich, oder besser gesagt traue ich mich zu fahren, doch erstmal fahre ich besser mit Bedacht rund 60. Marcus geht es richtigerweise langsam an. Das gibt mir die Möglichkeit immer wieder Fahraufnahme von ihm zu machen wenn er nach kurzer Zeit auftaucht. Der arme Kerl kann sich kaum ausruhen, denn kaum kommt er an, geht es auch schon weiter.

Die Landschaft ändert sich nun noch radikaler. Es ist als wären wir in Norwegen, nur mit kaltem, tiefgrünem Regenwald. Riesige Farne und das Mammutblatt, auch Riesen-Rhabarber genannt, säumen die Straße. Nachdem wir die Strecke, die durch tiefen Wald führte, verlassen, stehen wir unvermittelt vor der Fähre die uns in 45 Minuten auf die andere Fjordseite bringt. Bis Hornopirän geht es zügig voran, begleitet von immer wieder atemberaubenden Ausblicken auf diese einzigartige Landschaft und kühlen Regenschauern. Ein rustikales, gut geheiztes Hostel hat Marcus für diesen Abend ausgesucht. Frischer Lachs mit selbst geschnitzten Pommes und leckerem Tomatensalat sind so etwas wie eine Belohnung für diesen ersten Fahrtag. Anschließend sitzen wir auf einem urgemütlichen Stoffsofa direkt vor dem Kamin in dem ein Feuer leise vor sich hin brennt. Herrlich ist es diese natürliche Wärme zu genießen und dem Knistern des Feuers zuzuhören. Hundemüde fallen wir wenig später ins Bett und sind in Sekunden eingeschlafen.

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufmache regnet es in Strömen. Ich ziehe mir nochmal die Decke bis an die Nase und schlafe erstmal gemütlich weiter. Um halb acht machen wir uns aus den Federn und im Bad frisch. Herrlich duftet es schon aus dem Frühstücksraum nach frischen Brötchen. Wir können uns Zeit lassen, denn unsere Fähre geht erst um 10.30 Uhr. Wie in vielen Foren schon beschrieben wurde, ist der Einweiser tatsächlich um diese Zeit noch etwas muffelig. Mal hier, mal dort, mal einen Meter vor, mal zwei Meter zurück, werden wir zum Parken eingewiesen. Endlich dürfen wir auf die kleine Fähre. Ziemlich eingeklemmt können wir parken. Es geht los. Wie eine Fahrt mit der Hurtigruten in Norwegen durchqueren wir enge Fjorddurchfahren, gleiten vorbei an Wäldern in denen die Nebelschwaden der Nacht noch hängen und fahren vorbei an vielen kleinen, unbewohnten Insel Richtung Süden. Auf der Fahrt genießen wir drei Jahreszeiten im schnellen Wechsel. Zwischen herbstlichem Nieselregen, sommerlich strahlendem Sonnenschein und frischen Winden reicht die Palette der Wetterkapriolen. Doch es ist ruhige See, so dass der Gedanke an eine Seekrankheit nicht aufkommt. Nach dreieinhalb Stunden erreichen wir unser Ziel Leptepu. Mehr als eine Rampe, ein paar Häuser gibt es nicht. Da wir auf dieser Fähre als letzte an Bord kamen, sind wir nun die ersten die von Bord dürfen. Zwölf Kilometer schönste Schottenpiste gilt es zu fahren bis zum nächsten Fährhafen. Links und rechts ragen die dunkelgrünen Pflanzen und Bäume dieses kalten Regenwaldes bis hinauf in den grauen Himmel. Viel zu schnell sind wir durch diesen Urwald hindurch, der wohl zu Urzeiten nicht anders ausgesehen haben mag. Mich würde es nicht wundern, schaute ein Dinosaurier aus dem Dickicht hervor. Eine viel kleinere Fähre liegt am Anleger. Nur die Hälfte der Fahrzeuge der anderen Fähre können an Bord. Ich bin so weit hinten, dass mein Hinterrad an der Laderampe anstößt. Diesmal haben wir raue See, denn die Wellen aus dem Pazifik können ungehindert von der Seite in die kleine Bucht einlaufen. Durch den Kurs der Fähre, den der Kapitän bewusst steuert, versucht dieser, dies etwas zu kompensieren. Trotzdem rollt die Fähre beträchtlich. So stark, dass wir schnell zu unseren Motorrädern gehen, weil sie sich gewaltig zur Seite neigen. Den Geist der Carretera dürfen wir immer wieder erleben. Seien es Fahrradfahrer oder Packpacker, wir grüßen uns mit freudigem Winken, lauten Hurrarufen oder wir halten kurz an um miteinander zu sprechen. Immer wieder treffen wir die gleichen Leute. So halte ich bei einem italienischen Motorradfahrer dem gerade der Rückspiegel abgefallen ist und wir unterhalten uns auf Italienisch, was ihn erstmal ziemlich verwundert. Er sagt mir mit einem freudigen Lächeln, dass er nun seinen Rückspiegel als „Souvenir der Carretera" betrachtet und dieser zu Hause einen Ehrenplatz in der Vitrine bekommt. Es sind so schöne, so offenherzige, so freudige, so voller positiver

Energie beladene Begegnungen, die wir erfahren dürfen. Das ist wohl der echte Geist der Carretera. Nach 60 Kilometer Schotter genießen wir den puren Luxus einer asphaltierten Straße wieder. Wenige Kilometer weiter sind wir in Chaiten, einem kleinem Ort an ein Meeresbucht, welches unser heutiges Etappenziel sein soll. Etwas außerhalb ist unsere rustikale Unterkunft. Und wie der Zufall es will, übernachtet auch das niederländische Ehepaar mit Tochter Elsebeth, die gestern schon im gleichen Hostal gewesen waren, in unserer Cabatia. Ein lustiger etwas chaotisch organisierter Chef empfängt uns herzlich. Noch herzlicher werden wir vom Haushund empfangen. Ein Teddyschäferhund steht vor dem Eingang, strahlt mich an und lässt sich nur mit intensivem Streicheln überreden etwas zur Seite zu gehen. Er hat ein unglaublich dichtes Fell. Offensichtlich sind die Nächte und vor allem die Winter mehr als hart, hätte er sonst so einen warmen Pelz. Offensichtlich gefallen ihm meine heißen Füße so gut, dass er sich geräuschvoll darauf niederlässt. Wolkenloser Himmel begrüßt uns am nächsten Morgen auf dem Weg ins Haupthaus zum Frühstück. Es hat zwar nur acht Grad, doch die Aussicht auf einen sonnigen Fahrtag versüßt das Essen zusätzlich. Viel Schottenstrecke haben wir heute zu bewältigen. Doch am kniffligsten sind die Streckenabschnitte an denen gebaut wird für die spätere Aspaltierung. Meist ist dabei die größte Schwierigkeit den tiefen, oftmals sehr weichen Schotter zu befahren. Mit Fingerspitzengefühl und in sehr gemächlichen Tempo meistern wir zum Glück diese Bereiche. Auf der „normalen" Schotterpiste lässt es sich recht kommod fahren, Geschwindigkeiten zwischen 60 und 70 Stundenkilometer sind auch für Marcus machbar. Schon am frühen Nachmittag kommen wir daher in unserem heutigen Etappenziel, dem Dorf Puyuhuapi an. Luise von der Hosteria Casa Ludwig begrüßt uns mit einem kleinen Stirnrunzeln, denn heute hat sie uns noch gar nicht erwartet. Später stellt sich heraus, dass wir bei der E-Mail Buchung, vor fast einem Jahr, uns um einen Tag vertan hatten. Doch das Haus ist fast leer und so bekommen wir zwei kleine, gemütliche Einzelzimmer. Luisa und ihr Mann Jamie bewirtschaften das Casa Ludwig als B&B. Es ist ein wunderschönes, gelb gestrichenes Holzhaus aus dem Jahr 1957. Luisa selbst ist in Chile geboren. Ihr Vater ist 1934 ausgewandert und hat als einer der Gründerväter dieses deutsche Dorf im Süden Chiles in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründet. Es waren Sudetendeutsche aus dem ursprünglichen Heimatdorf Rossbach, welches heute in Tschechien liegt. Malerisch liegt Puyahuapi an einem kleinen Meeresfjord. Viele deutsche Namen gibt es immer noch, sei es als Straßen- oder Hotelnamen. Auf Empfehlung von Luisa gehen wir zum Essen in ein winziges Restaurant. Eigentlich ist es gar kein Restaurant, sondern eher das Wohnzimmer einer Familie. Leckeren Seehecht, Merluza, gibt es. Dazu selbst gemachte Pommes, ein Schälchen Mayonnaise und viel Ketchup. An einem langen Tisch, gedeckt mit der guten alten Wachstischdecke mit Blumenmotiven, wird uns serviert. Lecker duftet es und es schmeckt herrlich. Eine kleine, eiskalte Dose Bier gibt es dazu. Unsere Köchin setzt sich gemütlich an den Nebentisch und schaut ab und zu zu uns herüber ob es uns auch schmeckt. Und wie es uns schmeckt. Dies sind für mich immer wieder die Momente, in denen ich es sehr schade finde, dass ich nur einen Tag an so einem schönen Ort bin. Doch die Eindrücke sind in meinem Herzen gespeichert für einen erneuten Besuch in ein paar Jahren. Und dann, dann werden wir hier für viele Tage den Ort, die Umgebung, den Fjord und vor allem die lieben Menschen erleben. Nur noch 2 Grad zeigt mein Thermometer um acht Uhr morgens an. Ich beeile mich mit dem bepacken des Motorrades um wieder ins geheizte Haus zu kommen. Wir genießen ein leckeres und liebevoll gerichtetes Frühstück mit der herrlichen Aussicht auf den Fjord. 60 Kilometer Schotter liegen nun zunächst vor uns. Von der Nässe des nächtlichen Nebels ist die Piste allerdings noch sehr schmierig und mehr als einmal drehen unsere Hinterräder durch. An einer Brücke, an der wir Pause machen, haben wir erneut eine nette Begegnung. Von einer chilenischen Familie, an der wir schon öfters vorbei gefahren sind, bekommen wir sogar zwei Hand voll leckerer Pflaumen geschenkt, die wir uns schmecken lassen. Da ist er wieder, der wahre Geist der Carretera. Coyhaique ist unser heutiges Ziel. Eine große und ziemlich gesichtslose Stadt. Warm ist es hier, so warm, dass wir gerne im Schatten der

Häuser unterwegs sind. Ein offensichtliches InLokal mit Bier vom Fass, guter Musik hat es uns angetan. Wir essen, „endlich" mal wieder, eine große Pizza zum eisgekühlten Bier. Zum heutigen Etappenziel Cochrane gilt es 90 Kilometer Asphalt, 240 Kilometer Schotter und eine 35 Kilometer lange Baustelle heil zu überstehen. An einer Stelle stürzt die provisorische Straße förmlich nach unten ab, um gleich darauf in einer überhöhten Linkskurve noch weiter talwärts zu führen. Die Autos schaffen es gerade so durch diese kniffelige Passage zu kommen, wenngleich diese oftmals quer zur Fahrbahn rutschen. Auch wir müssen höchst konzentriert diesen Part meistern. Doch alles geht gut. Wie zur Belohnung bietet sich uns danach eine herrliche Aussicht auf einen tiefblauen See in dem goldgelbe Schilfinseln im warmen Sonnenlicht erstrahlen. Erstaunlich ist, wie viele Fahrradfahrer und Backpacker auf diesem Streckenabschnitt unterwegs sind. Für heute wohnen wir in einer Cabaria, die wir am Ende des Dorfes auf einer leichten Anhöhe finden. Doch niemand ist weit und breit zu sehen, der uns Einlass gewähren könnte. In einem am Fluss liegenden Haus klopfe ich um zu fragen, wie wir den Besitzer erreichen können. Gleich nimmt sich ein junger Mann sein Handy zur Hand und ruft für uns den Besitzer an. Erleichtert sind wir, als wir hören, dass der Eigentümer in zehn Minuten am Haus sein wird. Ziemlich cool steuert er seinen großen PickUp einhändig durch die schmale Einfahrt. Da wir morgen früh sehr zeitig weiterfahren wollen, bezahlen wir die Übernachtungsrechnung gleich in bar. Erst als er schon wieder weg ist, merken wir, dass WC-Papier und Handtücher fehlen. So fahren wir erst einmal in den Ort und kaufen neben Klopapier einen Sixpack Bier, Kekse und Teebeutel ein. Gleich neben dem niedlichen Laden ist ein Restaurant. Ein Steak mit Pfeffersauce und leckerem Kartoffelbrei gibt es zum Abendessen. Alles ist selbst gemacht, sind doch noch einige Stückchen ganzer Kartoffeln im Brei. Herrlich. Beim Essen überlegen wir ob wir auf dem Rückweg eine andere Unterkunft als die Cabaria nehmen sollen. Wir lassen uns die Zimmer im oberen Geschoss des Restaurants zeigen. Sie sind einfach, sauber und schön bunt gestaltet. Das große Bad und ein extra WC sind am anderen Ende des Ganges. Da wir aber wahrscheinlich die einzigen Gäste sein werden, stört uns dies nicht wirklich. Die Tochter des Besitzers erzählt uns dann noch was es alles zum Frühstück geben wird. Da kann man fast nicht nein sagen. Ich reserviere gleich zwei Zimmer für unsere Rückreise. Gut gelaunt machen wir uns auf den Rückweg zum Haus. Trinken noch eine Dose Bier und genießen das Prasseln des Feuers im Kaminofen. Doch lange halten wir es nicht aus. Fallen uns doch die Augen mehr als einmal zu. Kaum im Bett schlafen wir auch schon tief und fest.

230 Kilometer nur Schotter gibt es für uns auf der letzten Etappe der Carretera. Zum ersten Mal haben wir einen „Termin", denn wir sollten um 12 Uhr an der Fähre über den See sein, der auf der Strecke nach Villa O'Higgins liegt. Die 10 Uhr Fähre erreichen wir in keinem Fall, da hätten wir sonst schon um sechs Uhr morgens losfahren müssen. Und dies würde eineinhalb Stunden fahren bei Dunkelheit bedeuten. Auf einer Schottenstrecke nicht wirklich ein Spaß. Auch unser Vorhaben um sieben Uhr los zu fahren verschieben wir um 45 Minuten bis es hell geworden ist. Kaum ist es richtig hell geworden, lassen wir es auch schon krachen. Meist steht mehr als 80 Kilometer pro Stunde auf dem Tacho. Und so erreichen wir bereits um 11 Uhr den Fährhafen. Genügend Zeit für einen leckeren, wenn auch sauteuren, Kaffee und frische Empanadas. Ein weiterer Motorradfahrer stößt zu uns. Ein Chilene, ebenfalls mit einer 650er BMW. So sind wir nun gleich drei BMW Sertao am Ende der Welt. Alles muss rückwärts auf die Fähre, da diese nur eine vordere Ladeklappe hat. Lastwagen, ein PickUp mit Bootsanhänger, alles zirkelt millimetergenau auf die Ladefläche. Wir dürfen als letzte an Bord. Markus parkt in Frontrichtung. Unser Chilene dreht um. Ich stehe quer zur Fahrtrichtung. Sieht echt lustig aus wie wir so kreuz und quer auf der Fähre geparkt haben. Festgezurrt wird nichts. Doch meine BMW könnte nicht einmal umfallen, da mein linker Alukoffer direkt am Schiffskörper ansteht. Es ist eine gemütliche Fahrt über den Meeresfjord. Rund 45 Minuten fahren wir an unberührten Küsten und Wäldern vorbei bis wir am Südende des Sees wieder anlegen. Nochmal 99 Kilometer atemberaubende Strecke dürfen wir genießen. Doch ist die Strecke ist wieder ziemlich anspruchsvoll, so dass wir meist im Stehen fahren. Vor lauter rechts und links schauen vergessen wir ganz die Anstrengung. Am

Lago Cisnes bietet sich ein wahres Postkartenmotiv. Strahlend blauer Himmel und schneeweiße Wolken spiegeln sich im ruhigen Wasser. Saftig grüne Wälder umrahmen die Ufer. Mitten in einer Wiese mit gelben Blumen lasse ich mich nieder. Mein Blick gleitet hinüber über das türkisfarbene Wasser bis hinauf zu den Gletscher bedeckten Bergen am Horizont. Zweieinhalb Stunden später erreichen wie das Dorf am Ende der Carretera Austral, Villa O'Higgins. Stolz stellen wir uns vor dem Ortsschild auf uns lassen uns und unsere Maschinen von einem netten Bewohner fotografieren. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Es ist eine Mischung aus Stolz, Freude und Glück über das erreichte Ziel. Wie zur Belohnung wartet eine gemütliche und rustikale Unterkunft auf uns. Wir bekommen das beste Zimmer des Hauses. Bald knurrt jedoch unser Magen, was bedeutet, dass wir uns auf die Suche nach einer Essensmöglichkeit machen sollten. Ein kurzer Blick auf die an der Wand hängende Karte des Dorfes zeigt uns, dass es nur zwei Restaurants gibt. Wir entscheiden uns das Nächstgelegene anzusteuern. Als wir es erreichen sind wir erst einmal ziemlich enttäuscht, da die Eingangstüre abgeschlossen ist. Doch im hinteren Bereich entdecke ich eine Person. Kurzer Hand gehe ich zur Hintertüre und frage, wann das Restaurant aufmacht. Es ist ein Mann den wir schon auf der kleinen Fähre gesehen hatten und, der mich jetzt wie einen alten Bekannten begrüßt. Wir sollen noch ungefähr eine dreiviertel Stunde warten, dann könnten wir wieder kommen. Um die Zeit etwas zu verkürzen, erkunden wir noch die eine oder andere Straße im 600 Seelen Dorf. Entdecken dabei zwei kleine Kirchlein, einen aufwändig gestalteten Dorfplatz und viele kleine und lustige Eindrücke aus dem Leben der Bewohner. Bis zum Bau der Carretera wohnen hier nur eine Handvoll Menschen. Doch die politischen Spannungen zum nahegelegenen Argentinien veranlassten den damaligen chilenischen Diktator Pinochet hier eine Militärstation zu errichten. Zum Glück ist es seit vielen Jahrzehnten ruhig in dieser Gegend. Kurz nach neunzehn Uhr sind wir wieder vor unserem Restaurant. Wieder ist die Türe geschlossen, doch diesmal wir uns gleich geöffnet. An einem langen Tisch nehmen wir Platz. Ich frage nach einer Speisekarte, doch diese gibt es hier nicht. Ein Essen hätte sie für uns. Wir lassen uns überraschen was wir wohl erhalten werden. Es dauert richtig lange bis das Essen kommt. Alles wird frisch und sehr gemütlich zubereitet. Mittlerweile duftet es aromatisch und lecker aus der Küche. Wir erhalten gegrilltes Rindfleisch am Knochen mit Salzkartoffeln. Mit goldgelber Butter und einer Prise Salz sind die Kartoffeln ein wahres Gedicht. Dazu bekommen wir einen Tomaten- und Eisbergsalat den wir mit Limettensaft, Salz, Pfeffer und Öl nach unserem Geschmack selbst anmachen können. Rundum zufrieden verlassen wir zur späteren Stunde das Lokal. Es ist Wind aufgekommen und es ist empfindlich kühl geworden. Meinen grenzenlosen Optimismus mit kurzärmligen Poloshirt los zu gehen muss ich jetzt ein wenig büßen. Doch es sind ja nur ein paar hundert Meter bis zu unserer mollig warmen Unterkunft. Hundemüde fallen wir in Bett. Was für ein Tag.

Ohne Wecker wachen wir dennoch um kurz vor acht Uhr auf. Die Sonne scheint strahlend auf die Bergrücken und lässt den Schnee in strahlendem Weiß erscheinen. Gemütlich und warm ist es in unserem Frühstücksraum. Tee, kleine Brötchen vier Scheiben Käse, Butter und Marmelade, mehr gibt es nicht. Doch hier am Ende der Carretera Austral, am Ende aller Straßen Chiles muss man auch bedenken, dass Alles was hier gegessen wird, den langen Weg über viele hundert Kilometer Schotterpiste zurücklegen muss. Heute ist erst einmal Waschtag angesagt. Poloshirts, Windstopperhemd und einige Unterhosen landen im Waschbecken. Eigentlich dürfte ich dies gar nicht schreiben, ist doch die Farbe des Waschwassers der Poloshirts so dreckig, dass dies gar nicht besonders gut aussieht. Es ist, mit Verlaub gesagt, eine pechschwarze, dreckige Brühe. Nach und nach wird die Wäsche jedoch sauberer und das Wasch- und Spülwasser verändert kaum noch die Farbe. Was mich am Ende der Strecke brennend interessiert, ist es mal zusammen zu schreiben, welchen Schotterstraßen Anteil wir insgesamt auf der Carretera Austral gefahren sind. Beginnend in der Hafenstadt Puerto Montt haben wir bis Villa O'Higgins 1.146 Kilometer zurückgelegt. Davon 476 Kilometer auf besten, meist neuen Asphaltstraßen. Und 670 Kilometer auf Schotter-, Erd- und Lehmstraßen. Somit sind im Moment 60 % der Carretera Austral unasphaltiert.

Doch wir sind noch nicht am Ende dieser legendären Straße. Sieben Kilometer trennen uns davon. Und so machen wir uns auf auch noch dieses Stück zu fahren. Vorbei am Flughafen, über eine große Hängebrücke geht es weiter Richtung Süden. Eingeklemmt zwischen dem Rio Mayer und dem Steilhang schlängelt sich die Piste noch vier Kilometer weiter bis zum Lago O'Higgins. An einer Schilfanlegestelle ist dann endgültig Schluss. Und wie für uns gemacht steht dort auch eine Schild mit der Aufschrift „Fin de la Carretera Austral". Ja, jetzt sind wir tatsächlich jeden einzelnen Kilometer, beginnend bei Puerto Montt, dieser einzigartigen, dieser legendären Straße gefahren. Wir können uns schwer von diesem für uns so emotionalen Ort trennen. Und ohne Worte verstehen wir uns, nicken uns zu und wissen, das fahren wir nochmal.

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Allgemeines/Klima
Die Carretera Austral ist eine chilenischer Nationalstraße in der südlichen- und in der Austral Zone im chilenischen Patagonien. Sie verbindet auf einer Strecke von 1.240 Kilometer die Hafenstadt Puerto Montt mit dem Dorf Villa O'Higgins. Durch die schwierigen geographischen Geländeformationen der patagonischen Anden mit vielen Seen, Flüssen, Meeresfjorden und den extremen klimatischen Bedingungen war der Bau schwierig. 1976 wurde mit dem Projekt begonnen. Hauptsächlich die chilenische Armee unter dem Diktator Pinochät baute in den 1980er Jahren die meisten Straßenabschnitte. Die Straße ist jedoch noch nicht durchgängig und so müssen mehrere Abschnitte mit Fähren, vor allem im nördlichen Teil der Provinz Palena, von Hornopirän und Caleta Gonzalo benutzt werden. Im Oktober 2006 kündigte das Ministerio de Obras Püblicas die Modernisierung der Strecke zwischen Chaitön und Coyhaique an und den Bau der Landstraße zwischen Hornopirön und Caleta Gonzalo um nicht mehr die Fähre benutzen zu müssen. Aber auch an anderen Abschnitten der Strecke wird asphaltiert. Für die Befahrung der Strecke sollten gute Offroad Fahrkenntnisse vorhanden sein, insbesondere die langen Baustellenbereiche sind sehr anspruchsvoll. Wie in diesen südlichen Breiten üblich, erlebt man mehrere Jahreszeiten im extrem schnellen Rhythmus. Gute, wärmende Kleidung sollte genauso wie leichte Sommerausrüstung zur Ausstattung gehören. Fährt man nur alleine oder mit zwei Maschinen ist eine Vorausbuchung der Fähren nicht erforderlich. Wer allerdings mit mehreren Motorrädern unterwegs ist oder einen Zeitplan einhalten muss, sollte unter www.taustral.cl direkt online vorbuchen.

Anreise
Für die Anreise, mit Start in der Stadt Osorno, passt am besten die Fluglinie LAN (www.lan.com) da damit der einstündige Anschlussflug von Santiago de Chile nach Osorno wesentlich günstiger ist. Frühes Buchen ist empfehlenswert, da die LAN im Moment nur einmal täglich die Strecke fliegt.

Motorrad
Im Startort Osorno gibt es eine hervorragende Motorradvermietung. MotoAventuraChile (www.motoaventura.cl) bietet eine breite Palette von BMW Motorrädern an. Und Sonia, die mit ihrem Mann Roberto die Firma betreibt, spricht hervorragend deutsch. MotoAventura ist offizieller BMW-Händler und bietet neben der Vermietung auch viele geführte Touren in Südamerika an.

Tanken
Heute ist das Tankstellennetz auf der Carretera Austral so gut ausgebaut, dass die längste Strecke ohne Tankstelle gerade einmal 234 Kilometer beträgt. Alle Tankstellen der nationalen Firma Copec finden sich auf der Internetseite ww2.copec.cl/stations.

Essen und Trinken
Restaurants finden sich in jedem etwas größeren Ort. Am besten frägt man sich bei den einheimischen Bewohnern durch. Fischgerichte mit einer Beilage sind frisch zubereitet, sehr lecker und kosten zwischen sieben und acht Euro. Die üblichen Softgetränke gibt es überall, nur auf frisch gezapftes Bier muss meist verzichtet werden.

Unterkunft
Eine Auswahl an Hotelzimmern, Ferienwohnungen und Hostals kann über die einschlägigen Buchungsportale leicht vorgebucht werden. In den chilenischen Sommerferien von Dezember bis Anfang März sollte unbedingt reserviert werden.

Literatur
Reise-Know-How-Verlag „Chile und die Osterinsel" ISBN: 978-3-8317-2614-1 (33 Seiten behandeln die Carretera Austral). Ein absolutes Highlight sind Landkarten im Maßstab 1:400.000, die es an jeder größeren Copec Tankstelle gibt. Für die Carretera Austral werden die Karte Nr 6 (Villarrica, Llanquihue y Chilo6) und die Nr. 7 (Carretera Austral) benötigt.

© Karl (Charlie) Spiegel – www.mototrotter.de


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